Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 19. November 1918 (Leipzig, Postkarte)


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19.XI.18. Liebste Freundin! Deine beiden lieben Briefe erhielt ich gleichzeitig gestern u. fühlte Deine Nähe. Kommen kann ich nicht, da jeder auf dem Posten bleiben muß, und schreiben kann ich auch nicht einmal, da ich Knall u. Fall am Sonnabend einen Kreis von Frauen durch Vortrag für das Wahlrecht präparieren sol. Meine Nerven sind wie zerhackt, Ich kann kaum noch. Die Gesamtlage ist hier unverändert, d. h. die Tendenz besteht fort. Doch
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| hat man das Programm in Hinblick auf Berlin u. das Reich zunächst gemäßigt. Ausgesprochen aber wurde vor geladenen Bürgerlichen: das Proletariat muß die Gewalt haben, erst muß das Privateigentum abgeschafft werden - dann kann die Nat. Versamml. kommen, die aber daran nichts ändern darf. - Zu dieser Regierung ist der L. Lehrerverein "einstimmig" übergegangen. Sage selbst, was ich noch soll. Ich kann kaum noch einen Menschen sehen, am wenigsten B, dessen täglich wechselnden u. immer gleich maßgebenden Ansichten ich aus dem Wege gehe. Das Gefühl der Gemeinsamkeit mit Dir aber hält mich aufrecht. Es wäre so unsäglich viel zu tun. Aber ich habe keine Freude daran. Ich passe nicht in diese Welt.
Was man hat, soll man verteilen. So auch ich. Bleibt gesund u. habt herzlichen Dank für Euer Schutzangebot. Es ist vorgemerkt; indessen gehört dazu - eine Eisenbahn. Dein im Kopf ganz wirrer herzlich grüßender Eduard.