Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 24. November 1918 (Leipzig)


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Leipzig, Totensonntag
1918.
Liebste Freundin!
Mit Deinem heut erhaltenen lieben Brief stimme ich Punkt für Punkt überein. Vor allem dies: wir sollen doch ja nicht glauben, daß wir ein neues Glück gefunden hätten. Wir haben den Krieg verloren, und nun tut man so, als wäre es im Grunde schmählich gewesen, ihn zu gewinnen.
Vorläufig geht alles drunter und drüber. Doch muß ich als Gesamteindruck für hier und viele andre Orte aussprechen, daß die sog. Reaktion Fortschritte gemacht hat. Vielleicht sehen wir sogar noch einmal den alten Reichstag. Es geht nicht so schnell mit dem Staatenneubau. Und ohne
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| die Intelligenz geht es nun schon gar nicht.
Es ist entsetzlich viel zu tun wegen der Politik und der Demobilisierung. Daher bekommst Du hier mehr fremde Briefe als einen von mir. Habe Nachsicht. Es ist jetzt alles so wichtig, und ich bin garnicht bei übermäßiger Kraft. Leider habe ich jetzt mit Deinen Freundinnen mehr direkt zu tun als mit Dir. Frau Rabl verlangte heut vor 8 Tagen einen politischen Vortrag, den ich dann auch (unter ihrem sehr steifen Vorsitz) gestern unter dem Titel: "Was muß die bürgerliche Frau vor Ausübung ihres Wahlrechtes wissen?" in der alten Börse, einem entzückenden Rokokosaal vor 400 gebildeten Frauen gehalten habe. 1½ Stunden! Es war einer
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| meiner besten Vorträge. Die arme kleine Frau Rohn hat (mit sehr vielen anderen) die ganze Zeit stehen müssen. Es hat mir zu leid getan. Auch Gretchen Stolzes Gesicht unter der Menge. Viele vom alten Anhang. Aber ob alle empfanden: "das geht uns jetzt direkt an", ist mir trotz der gespannten Aufmerksamkeit noch zweifelhaft.
Außerdem bin ich in den Bürgerausschuß, "Abteilung für geistige Arbeiten" gewählt worden, 1. Sitzung morgen - 3 Uhr! Keine Ahnung, was das ist.
Der Satz der Aufsätze ist vollendet. 93 Fahnen Korrekturen gelesen. Ein Haufen von Manuscripten liegt da. Wenn Du kannst, beschaffe Dir von der Markwardtbibl. Robert Michels, die oligarchischen Tendenzen in der Demokratie.
Nicht wegen des Lazaretts, sondern wegen
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| Kohlenstreik in Tornau muß ich Dienstag mit meinen andauernd gut besuchten Vorlesungen u. Übungen in die Handelshochschule übersiedeln.
Ich habe beim Rektor die Einsetzung einer Verfassungskommission beantragt, damit wir nicht eines Tages von außen reformiert werden. Diese soll (nach meinem Plan) auch über die Zukunft der theol. Fakultät beraten.
Das Ehepaar Weinel hat immer noch in seiner Sprechweise etwas unangenehm Unfehlbares, jede Diskussion Ausschließendes. Sie ist mir verständlicher, seit ich ihn kenne: jeder Satz erledigt ein Problem. Dabei aber sehr liebe Leute von einer eignen (wohl rheinischen?) Herzlichkeit.
Die Beilagen erbitte zurück.
Ich bin in schwankender Zeit
unwandelbar wie stets Dein Eduard.