Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 29./30. November 1918 (Leipzig)


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<S. 1/li. Ecke Zeichnung/Druck: Neues Rathaus, Aufgang; S. 3/li. Ecke Zeichnung/Druck: Reichsgericht>
<gedruckt: Leipzig, am> 29.XI.18.
spät nach den Übungen.
Liebste Freundin! Heut kam Dein liebes Paket, das ich erst morgen in Ruhe öffnen werde. Nur meinen innigen Dank für alle Liebe nimm im voraus. Ich will in kurzen Stichworten von den rasenden Ereignissen berichten.
Die Situation der Universität spitzt sich zu. Der Arbeiterrat ließ auf dem Hauptgebäude 2 rote Fahnen (kostbares Militärtuch, Meter 100 M) zwangsweise aufziehen, wobei ungeschicktes Verhalten des Rektors und des senilen Wach mit schuld war. In der Fakultätssitzung vom Mittwoch wurde vom Rektor verlangt, die Fahnen einziehen zu lassen, die Universitätsfahne aufzuziehen und Weisung von der Zentralinstanz Dresden abzuwarten. Noch ehe dies geschah, kletterten die Studenten nachts auf das Dach, holten die roten Lappen nieder u. hißten die Universitätsfahne. In einem schönen Anschlage am schwarzen Brett gaben sie den Kommilitonen von dem Geschehenen Kenntnis. Als ich heut Abend in die Handelshochschule kam, um m. Übungen abzuhalten, - wir haben nämlich nicht 1 Kohle zum Heizen der Häuser u. sind über die ganze Stadt verteilt - war nur die Hälfte der Studenten da. Es hieß (gerüchtweise), bewaffnete Soldaten hätten die roten Fahnen wieder gehißt, und hätten eine Versammlung einberufen wollen. Der stud. Landahl, rechtsarmig gelähmt, ein herrlicher junger Mann, verwehrte ihnen dies und wurde verhaftet. Die Studenten zogen mit zum Gefängnis, weitere Verhaftungen sollen erfolgt sein, dann aber alle freigelassen. Nun erfolgte eine Protestversammlung der Studierenden, nach der alle Fehlenden noch rührend in meine Kantübungen kamen. Abends standen sie dann zusammengerottet in der Grimmaischen Straße. Morgen abend findet endlich unsere Plenarversammlung statt. Ich fürchte, daß die Universität den Anstoß zu Unruhen in der Stadt geben wird, finde aber die Haltung von Studenten und Dozenten ausgezeichnet. Die Volkszeitung hat schon einen stehenden Artikel über die Universität.
Zugleich kam heut Abend Frl. Wezel aus Berlin. Sie hat das kranke Frl. Pelargus hergebracht. Die Behörde übernimmt wegen Kohlennot, Nahrungsnot und Unruhen keine Gewähr für die Schülerinnen des Pestalozzi-Fröbelhauses.
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| Ich bin mir ganz klar: es muß anders werden. Dieses "Regierungssystem" treibt uns innerhalb eines Monats in den Abgrund.
Die Nachricht von Braun war ein ungelegtes Ei. Es kam aber am selben Tage noch ein vertraulicher Brief von Becker, worin er erzählt, er hoffe noch im Winter mit mir in Verhandlungen eintreten zu können. Der Finanzminister habe die Ersatzprofessur für Riehl bewilligt. Der neue Unterstaatssekretär Baege, unabh. Sozialdemokrat!, interessiere sich mit ihm für m. Berufung. Die neuen Männer seien mir wohlgeneigt!
Für meinen Teil vermute ich die schwersten Explosionen in nächster Zeit. Dem Seminardirektor Bär in Delitzsch, der heut hier war, habe ich mein Kommen zu Fuß, falls eine Flucht notwendig werde, schon angekündigt. Leider fühle ich mich wieder sehr unfrisch, z. T. wegen Erkältung im ungeheizten Seminar, aber der Gesamtzustand ist seltsam. Bär hat sich von einer sehr schweren Gicht befreit durch ganz einfache Impfungen bei Ponndorf in Weimar, der solche Erscheinungen auf gelbe Streptokokken (meist nach Tuberkelinfektion) zurückführt u. sowohl Tuberkulose wie solche Gicht durch Impfungen glänzend heilt. Ich will doch Strümpell mal darüber fragen. Denn meine Schmerzen u. m. Unfrische sind wieder recht auffallend. Allerdings ist ja auch das Leben zu anstrengend. Selbst m. Wohnung ist wieder wie ein Taubenschlag. Der Oberlehrerberuf überfüllt. Täglich aber wollen Pastoren und Berufsoffiziere noch zu uns einschwenken. Die Manuskripte schichten sich bei mir trotz fleißiger Arbeit.
Nur einen Genuß hatte ich: ich habe dem Rentmeister in Gegenwart seines Heizers meine Meinung gesagt, daß er ganz sprachlos wurde. So ein Schaf, ein Trottel, ein "Hofrat".
Überall herrschen die Juden. Der Galizier Eisner treibt ungestraft Landesverrat. Es ist zum Weinen, zum Verzweifeln. Der Leipziger Lehrerverein eine einzige rasende Meute. Ekelhaft. Ich habe Becker geschrieben, ich ginge gern fort. - Mit dem Generalfeldmarschall Bülow stehe ich jetzt in einer Art politischen Briefwechsels. Ich habe ihm ausgeredet, diese Revolution für eine Weltwende zu halten. So beginnt keine neue Epoche. Für heute gute Nacht. Da der Tag morgen wahrscheinlich wieder tausenderlei Eiliges bringt, werde ich wahrscheinlich morgen nichts hinzufügen können, sondern nur diese Stichworte abschicken.
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Dein Papier (Bogen 6 Pf.)

30.XI. früh.
Soeben Deinen lieben Brief erhalten. Ebenso früher die Casseler Zeitungen, in denen mir der lokale Teil neu war. Aus dem Bürgerausschuß - Ägide Götz - ist bisher nichts geworden.
Alles im Unklaren. Die heutige Zeitung berichtet über die Vorfälle in der Universität u. fügt hinzu: Allgemein rechnet man mit einer Sistierung der Vorlesungen.
Ich will heut anfangen, den Vortrag über die politische Lage für Teubner auszuarbeiten. Es ist dringend nötig. Andre
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| Frage, ob zweckmäßig.
Endlich noch eine kleine unpolitische Nachricht: das von Dir in der Schule genähte Hemd ist bereits seit einigen Tagen in Gebrauch u. mir höchst willkommen.
Knauer schreibt heute Schauerliches über die Lage am Alexanderplatz. Wir sind in Rußland. Alles andre ist Schönfärberei: Gott möge es bessern!
Innig u. dankbar
Dein
Eduard.