Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 11. Dezember 1918 (Leipzig)


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Leipzig, den 11. Dezember 1918.
Liebste Freundin! Es ist völlig unmöglich, den Ereignissen mit der Feder zu folgen. Alles jagt nur so, und man wird mitgejagt. An der Universität standen die Dinge eine Zeitlang sehr kritisch. In der Angelegenheit der roten Fahnen hatten wir, um an m. letzten Bericht anzuknüpfen, eine Dozentenversammlung am 30.XI. fast in der Nacht. Dem wenig energischen Auftreten des Rektors wurde hier allseitig Mißbilligung ausgesprochen. Der an sich sehr wohlmeinende, liebe Mann trat zurück. Ferner wurde ein Protest an die Zeitungen gegeben und die Solidarität mit den Studenten erklärt. Diese hatten auch auf Zureden des Ministerialrats Böhme nicht nachgegeben. In diesen 2 bewegten Tagen arbeitete ich meine Frauenrede mit äußerster Anspannung aus. Sie wird in wenigen Tagen in Deinen Händen sein. Am 2.XII fand in der Wandelhalle der Universität eine gemeinsame Versamml. der Studenten und Dozenten statt, bei der Seeliger eine väterliche Ansprache hielt, die äußerlich gut aufgenommen wurde, innerlich aber so verstimmte, daß die Studenten ihm für die Rektorwahl (bei der sie eigentlich nichts mitzureden haben) ein Mißtrauensvotum erteilten. Am Dienstag 3.XII. war Schulausschußsitzung, am 4.XII. eine Senatssitzung, in der Neuwahl des Rektors beschlossen wurde u. mein Antrag auf Einsetzung einer Verfassungskommission angenommen wurde. (NB: ich bin nicht im Senat.) Am gleichen Tage wurden von 80 Mann Soldaten ganze Straßenzüge u. später die ganze Umgebung der Universität abgesperrt, um den Vorsitzenden der Studentenschaft, Landahl, zu verhaften. Diese z. T. sehr scherzhafte Angelegenheit führte dazu, daß der Gesuchte am nächsten Tage selbst zum A.- u. S. Rat ging. Dort erklärte man ihn, der Verhaftungsbefehl ginge nicht von ihnen aus, sondern von dem - Roten Soldatenbund Leipzig-Hof- Cassel. Man habe aber nicht die Absicht etwas dagegen zu tun. Am Dienstag 3.XII. waren der Prorektor, Seeliger, 3 Studenten u. der Vors. des Arbeiterrates Seger in Dresden im Ministerium gewesen. Der Minister, Stuckateur Buck (der übrigens meine Pläne zur Neuordnung des Seminars restlos bewilligt hat! - Bedenken: ich bliebe nicht in L.!)
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| soll sich sehr wohlwollend und ruhig benommen haben. Seger drohte, 100 Studenten erschießen zu lassen u. die Universität zu schließen. Die Studenten drohten auch mit Gewalt. Doch wurde durch Kittel u. Seeliger die Schließung der Universität verhindert und die Angelegenheit so beigelegt, daß die Un. garnicht flaggt. Also eigentlich Sieg auf unsrer Seite. Die Volkszeitung aber schreibt fast jeden Tag blutrünstige Artikel gegen uns. Am Sonnabend den 7.XI. war a. o. Fakultätssitzung über die Rektorwahl. Natürlich komme ich für diesen (nicht beneidenswerten) Posten nicht in Betracht, schon weil ich einer der jüngsten Wählbaren bin, dann weil ich physisch der Sache nicht gewachsen bin, und außerdem hält mich hier kein Mensch für energisch, wie man mich übhpt nicht kennt. In den von mir beantragten Verfassungsausschuß wurde ich gewählt. Am Sonntag war ich nach langer Pause bei Biermann, der mit vollen Segeln in das Zeitalter des Sozialismus hineinfährt. Am Montag früh war ich beim Oberbürgermeister u. beriet mit ihm über den Leipziger Lehrer-Verein. Abends war Rektorwahl. Der Prorektor Kittel wurde gewählt, obwohl sich in der Zeitung die sozialist. Studentengruppe für ihn ausgesprochen hatte. Er fing sein Amt damit an, daß er die Annahme von einer Besprechung mit den Studenten abhängig machen wollte, was wir uns verbaten. Nach der Wahl war Strümpell mit in meiner Abendvorlesung, die jetzt fast von 200 Leuten besucht wird, darunter auch ein roter Soldatenrat. Meine neue Sprechstunde für Kriegsteilnehmer dauerte gestern von ½ 10 - ¼ 1 dabei allerdings fast 1 Stunde ein interessantes Gespräch mit Landahl. Am Schluß wurde mir von einem neugegründeten polit. Studentenverein angetragen, einen Vortrag über Hochschulreform zu halten, was ich wegen Überlastung vor Weihnachten ablehnte. Ich muß nämlich am Dienstag im Auftrage der Frau Kreishauptmann die Schwestern des Albert-Vereins politisch aufklären. Gestern Abend hatte ich die "Pädagogen" im Seminar zur Erörterung ihrer Berechtigungsfragen zusammengerufen. Die Sitzung verlief unter m. Vorsitz glatt u. harmonisch. Abschluß ein Bierabend im Burgkeller. Nachzutragen ist, daß ich am Sonnabend im Verein deutscher Studenten einen eindrucksvollen Vortrag v. Maurenbrecher hörte. Sachlich trat ich ihm in der
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| Diskussion entgegen. Doch hat er mir persönlich einen bedeutenden Eindruck gemacht. Wir sprachen zum Schluß miteinander.
Einer Besprechung gestern zwischen Vertretung der Studenten u. Dozenten über Hochschulreform (die Studenten sind darin nicht zurückhaltend) konnte ich nicht beiwohnen. Heute das selbe Thema in einer Plenarversammlung der Studenten, zu der ich nicht gehen werde. Ich bin zu kaput. Außerdem ist die letzte bürgerliche Versammlung von den Unabhängigen gewaltsam gesprengt worden. Es kam zu einem Handgemenge, auf dem Augustusplatz nächtlich zu einem scheußlichen Akt der Lynchjustiz.
In Berlin ist es noch schlimmer. Doch brauchst Du für die Gegend der Kurfürstenstr. nicht in Sorge zu sein. Es geht dort zwischen Rot und Rot. Am Bhf sollen rote Zettel verteilt werden "Schlagt Liebknecht tot".
Morgner u. Frl. Wezel sind wieder hier. Auch Frl. Pelargus. Bartram ist auf der Heimreise, Schröbler zurück in Glauchau.
In einer stillen halben Stunde habe ich endlich Dein Weihnachtspacket neugierig geöffnet und den Hauch Deiner Liebe dankbar empfunden. Die schönen Kupferstiche werden mich in hoffentlich ruhigeren Weihnachtstagen beschäftigen. Das Nützliche kommt sehr willkommen. Walther Flex ist ein Andenken an Dtschlds "große Zeit", von der ich fürchte, daß sie nicht wiederkommt. Denn wenn so deutsche Menschen, wie die Südbadenser, fortstreben, wie soll dann Dtschld bestehen? Erinnerst Du Dich der politischen Wirtshausgespräche im 1. Jahr??
Mit dem Feldmarschall Bülow, von dem ich eigentlich garnichts weiß, habe ich weitere Briefe gewechselt. Er interessiert sich anscheinend für mich u. fragt nach m. Schriften.
Du glaubst nicht, was ich zu tun habe und zu tun haben werde. Wissenschaft ist freilich kaum noch dabei, obwohl die Vorlesungen u. Übungen unentwegt besucht sind. Riehls denken ernstlich, nach Sigmaringen zu gehen. Er ist innerlich ganz gebrochen. Könnte ich Dir doch einmal sagen, wie ich über die Gesamtlage denke. Aber das ist mit 2 Worten nicht getan. Und jeden Reiseplan (wie voriges Jahr) müssen wir für Weihnachten diesmal aufgeben. Wenn die Verhältnisse sich ordnen, hoffen wir auf
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| das nächste Jahr. Weißt Du vielleicht etwas für Caecilie u. für unseren Heinz? Wenn nicht, so schreibe mir bitte gleich einen Rat wegen Bilderbuch bzw. Buch. Das geht am schnellsten. Ich habe leider dies Jahr noch weniger Möglichkeit, über Weihnachten nachzudenken als sonst. Ob meine gesammelten Aufsätze, in denen auch der volle "Aufstieg" ist, noch rechtzeitig zu Dir kommen werden, ist leider fraglich.
Knauers haben ihren letzten und 2. Sohn verloren. Er war in der Schweiz interniert und ist in Münster einer infekt. Lungenentzündung erlegen. Die Armen! Mein Vetter in Lüdenscheid hat mir ein Bild meiner Tante geschickt.
Daß Du Deine Wohnung für Flüchtlinge hergibst, ist wohl recht. Weißt Du noch, wie wir dort zuletzt im alten Dtschld gelebt haben?? Es ist alles so furchtbar traurig, daß man nicht daran denken darf. Der ganze Krieg war herrlich gegen dies. Und doch ist gar kein Zweifel, daß eben in dieser traurigen u. unwürdigen Form ein Neues und - Großes kommt, dem gegenüber unsre armen Maßstäbe versagen.
Zürne mir nicht, mein Herz, wenn ich Dir so selten schreibe. Aber ich muß für den Augenblick arbeiten, und das wird auch in Deinem Sinne sein. Es ist wieder einmal eine Epoche, in der man sich nicht selbst gehört, nicht gehören darf. Hoffentlich halte ich es mit m. Kräften bei der täglich schlechter werdenden Nahrung aus. Wie lebt ihr? Hat die liebe Tante ihren Unfall ganz überwunden? Ich denke ganz unverändert treu an Euch, und das mußt Du ja auch fühlen, zumal in dieser weihnachtlichen Zeit. Vielleicht glimmt doch eines der Lichter in uns an. Ich freilich bin noch nicht einmal über die Trauer um die Hohenzollern hinweg. Andre kamen leichter um.
Ich grüße Dich viel tausendmal und danke Dir für Deine Liebe.
Stets Dein
Eduard.