Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 14. Dezember 1918 (Leipzig)


[1]
|
Leipzig, den 14. Dezember 1918.
Liebste Freundin!
Unsre Briefe haben sich gekreuzt, und Du wirst daraus wohl gesehen haben, daß es nicht meine Absicht war, Dich ohne Nachricht zu lassen. Die Tage fließen aber so schnell, daß für mich eine kurze Spanne ist, was Dir sehr lang erscheint. 10 Tage ist aber auch an sich eine kurze Zeit.
Daß wir jeden Weg gemeinsam gehen werden, ist mir eine Selbstverständlichkeit. Der Sinn unsrer Gemeinschaft kann mir nicht verloren gehen; dazu wurzelt er zu tief in meinem ganzen Leben. Aber daß wir auch jede Wegkrümmung miteinander machen, ist leider unmöglich. Besonders dann, wenn die allgemeine Lage die Kräfte des im Leben stehenden Mannes so beansprucht wie jetzt. Du weißt, daß meine Kräfte enge Grenzen haben und daß ich fast täglich bis an diese Grenzen gehen muß. Selbst eine Postkarte ist da nicht immer möglich, weil manches sich nicht auf einer Postkarte ausreichend sagen läßt. Nur in wichtigen Fällen würde ich sofort schreiben. Kommt nichts, so ist dies eben ein Beweis, daß es im ganzen glatt geht.
[2]
|
Ich bitte Dich, Dich dabei zu beruhigen. Alle Leute, auch die nicht wie Du das Recht dazu haben, schreiben mir so. Aber ich bin dagegen ganz verhärtet; aus Not und aus Pflicht. Denn für den Mann muß das Privatleben zurückstehen, wenn er in allgemeinen Angelegenheiten dringend gebraucht wird.
Wie jedes Jahr, so muß ich auch diesmal die Armut und Gedankenarmut meiner Weihnachtssendung (die heute abgeht) entschuldigen. Aber es gibt ja nichts zu kaufen, selbst wenn mir (wie Dir immer) ein guter Gedanke einfiele. Ich setze meine Hoffnungen auf ein Jahr 1919,
- Hier Unterbrechung durch Meuchelbesuch -,
das uns ein paar Wochen zusammen schenkt, sei es auf der Reichenau, wenn sie noch deutsch ist, oder, wonach ich eigentlich Sehnsucht habe, in Wien mit Zubehör, oder sonst, wo es schön ist. Bis dahin müssen wir uns noch durchfressen, und ich bitte Dich, mich nicht - vorher - aufzufressen. Für heute nur diese Beruhigungsnote. Viel Neues ist nicht vorgefallen. Ich bin jetzt glücklich in 3 akademischen Kommissionen. Und die Ferientage sind auch schon durch Arbeit vorausbesetzt.
Innigste Grüße
Dein Eduard.