Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 23. Dezember 1918 (Leipzig)


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Leipzig, den 23. Dezember 1918.
Liebste Freundin!
Dein lieber Weihnachtsbrief ist schon da, und meiner noch nicht einmal unterwegs. Ich kann mich nur dahinter verstecken, daß bei uns immer nur der 1. Weihnachtsfeiertag als offiziell anerkannt wurde. Heute mußte ich noch für die Biermannschen Kinder etwas besorgen, dann war ich bei Morgner zum Essen, der mich so nudelte, daß ich zeitweise einen Schlaganfall befürchtete;. Hoffentlich hast Du Deinen Plan, an Heinz das betr. Buch auch zu schicken, inzwischen ausgeführt.
Du bist der einzige, der mir zu Weihnachten hilft; es ist sehr hart, wenn der erste Tag des Ausruhens kommt, dann erst recht durch die Stadt jagen zu müssen, um für alle
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| 20 Empfangsberechtigten etwas zu besorgen. Es ist nun erledigt, aber ich bin auch erledigt.
Merkwürdig, daß ich mit meinen Weihnachtsgedanken jetzt immer auf 1916 zurückgreife, wo ich einsam im Gebirge dem Karwendel am Heiligabend entgegenging, während eine sanfte Dämmerung hereinbrach. Es war damals kein glücklicher Tag für uns. Und doch ist mir die Seeligkeit dieser Stunde unvergeßlich geblieben. Ich war gewiß, Dich zu haben, und ich war meiner selbst gewiß. Ich empfand etwas von Ewigkeit, wozu mir die irreligiöse Hast meines Daseins hier nie Zeit läßt. Das strahlt so über meine Gegenwart, daß mir das Karwendel zum Symbol eines inneren Fortschrittes geworden ist: das Schicksal lieb gewinnen - das habe ich damals gelernt. Und wir haben es sehr gebraucht.
Auch diesmal brauchen wir einen solchen Halt zu Weihnachten für das kommende Jahr. Es ist sehr merkwürdig, wie die Beurteilung
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| wechselt: Riehl schreibt noch immer ganz düster. Auch der Grundton Deines lieben Briefes ist fast schwermütig. Ich bin schon ein wenig hindurch. Das Geheimnis? Sobald man mitarbeiten kann, wird es erträglich. Und Du arbeitest mit in allem, was Du für mich tust. Laß Dich ein wenig aufrichten. Es ist gewiß kein leichtfertiger Mut in mir, gar keine Schönfärberei. Aber dafür wollen wir einfach wirken bis zum Untergang, daß es so nicht mit Deutschland bleibt, wie es ist. Soeben diese Minute kommt ein Brief von Kerschensteiner, der erste seit 10 Wochen. Er schreibt ganz heiter, so unpolitisch denkend wie er es immer getan hat. Voll Zuversicht für das Ganze, aber auch sicher, daß es noch einige Tage bei uns zum Blutvergießen kommen muß. So dualistisch wollen wir uns nicht stellen. Es muß ein neuer Staat gezimmert werden, nicht mehr und nicht weniger. Wer das nicht begreift, der ist der Stunde nicht gewachsen. Darüber habe
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| ich gestern einen flammenden Artikel geschrieben, vielleicht für die Voss. Zeitung. Mein Artikel für den Feldmarsch. Bülow erschien ohne mein Wissen zuerst entsetzlich beschnitten u. entstellt in der Mittagsausgabe des "Leipz. Tageblatt." Ich habe an beiden Stellen Bechwerde dagegen erhoben.
Am Mittwoch sehr zur Unzeit, aber freudig begrüßt, tauchten kurz nach einander Bartram und Thiele hier auf, beide entgegengesetzt über Vergangenheit u. Zukunft denkend. Und gestern, eben als ich zu Pelargus' wollte, erschien Bertha Claaßen, die einstige "Maria Stuart." Es ist schon heut bedrohlich, was für Gaben sich bei mir ansammeln. Man kann dann wieder 8 Tage Dankbriefe schreiben. Und das muß ich, ohne zu klagen, noch einmal betonen: ich muß jeden Tag bis an den Rand meiner Kraft gehen, auch jetzt in den Ferien.
Wie viel hätte ich noch zu erzählen! Aber mit diesen Zeilen will ich nun am Weihnachtstage bei Dir sein, ganz nah und herzlich, ohne Worte bis ins Tiefste. Grüße die liebe Tante und <linker Rand> Herrn Walther. Die geheimnisvolle Beilage Deines Briefes habe ich noch nicht angesehen. Für alles schon <Kopf> heut innigen Dank. Dein Eduard.