Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 29./30. Dezember 1918 (Leipzig)


[1]
|
<gedruckter Briefkopf S. 1, 3 und 5:
Professor Eduard Spranger
Leipzig
Scharnhorststr. 25.>
29.XII.18.
Liebste Freundin! Die Weihnachtstage und damit auch das üble alte Jahr gehen zu Ende. Vor mir liegt das Deckblatt Deines Kalenders. Ich denke an den stillen Abend im Neckartal und an den nachfolgenden Sturm. So war es im großen ja auch: auf unsre stille Zeit folgte die deutsche Katastrophe. Sie ist noch nicht vollendet. Vielmehr ist nun nach dem Ausscheiden der Unabhängigen aus der Regierung die eigentliche Krisis zu erwarten. Bleibt die Regierung fest, so befestigt sie sich für lange Zeit im Sattel. Bleibt sie es nicht, so kommt eine lange Anarchie, Einmarsch der Entente, und zuletzt, vielleicht nach 2-3 Jahren - Reaktion, die natürlich die Scheidemänner am schwersten trifft. Das ist die Prognose für 1919.
Ich für meinen Teil sehe in keiner Wendung etwas Beglückendes. Meine Neigungen waren immer antidemokratisch. Eher noch sozialistisch. Deshalb arbeite ich jetzt dafür, aus der ethisierten Idee des Sozialismus eine neue staatsbildende Kraft herauszuholen, die die alten deutschen Elemente bewahrt und doch der Zeit voranläuft, insofern sie sozialisiert und eine neue feste Organisation schafft. Darüber werde ich Dir bald ein paar Zeilen schicken.
Mein Zimmer sieht sehr weihnachtlich aus. Der Baum von Frau Riehl ist zwar nicht angekommen. Aber Frau Direktor hat mir ihren geborgt. Darunter liegen außer Deinen schönen Gaben und um den leuchtenden Dilsbergstern herum ungeheure Geschenke: Weihnachtsfressalien von Frau Direktor, Frau Steidl, Biermanns, S. Conrad, Frl. Dr. Zangenberg
[2]
| [über der Zeile] Frau Witting Frau Dr. Langerhans. Riehl schenkte mir Schmollers große u. sehr teure "soziale Frage", die ich mir ganz im stillen gewünscht hatte. Lore u. Adelheid eine Flasche Burgunder mit einem Glas. Biermann: "Der Untertan" von Heinrich Mann und eine Christrose. Dora Thümmel einen Abreißkalender mit selbstgeschriebenen Sonntagssprüchen. Frau Witting ein Buch von Meyerink, Lenchen Biermann einen Abreißkalender, Frau Direktor eine kl. Pulle Schnaps, Frl. Marianne diese Briefbogen. Morgner (außer einem Nudelessen in s. Wohnung) eine Klingermappe u. das "Schwabenland." Das wird wohl alles sein. Zahllose Briefe, mit deren Beantwortung ich die Feiertage ausfüllte. Außerdem habe ich fast jeden Tag eine Dissertation gelesen, fast nur minderwertiges Zeug.
Am Heiligen Abend bei Biermanns war es gewohnt gemütlich, obwohl die Weihnachtsstimmung erst gar nicht durchdringen wollte. Am 1. Feiertag war ich Mittag zu Hause eingeladen, Nachm. besuchte ich den Dr. Reumuth mit Frau und 2 kl. Mädchen. Abends war ich allein u. musizierte. Am 2. Feiertag war ich von ½ 5 - 10 bei Kruegers. Ebenfalls gemütlich, doch waren wir alle marode, auch die liebe kl. Frau, die eine schwere Grippe gehabt hat. 3. Feiertag war Ruhe, d. h. Arbeit. 4. Feiertag Mittag Herre, der immer mehr auftaut. Abends ein sehr mäßiger politischer Vortrag von mir weit draußen bei Leutzsch im Diakonissenhaus. Heut war ich bei Biermanns, dann bei Wundt. Bei dem alten Herrn fühlt man sich immer wohl. Morgen werde ich Frau Rohn besuchen und abends mit Wundts und Rohns bei Hannes sein. Dies das Programm. Am 3. beginnen m. Vorlesungen
[3]
| schon wieder, falls es Licht und Kohlen gibt.
Nun aber kommt das Schlimmste: am 31.I. endet das Semester. Am 1.II. beginnt ein eingeschobenes Semester für Kriegsteilnehmer. Bis zum 15.IV. Dann beginnt das S.S. Daneben sollen Repetitionskurse von 6 Wochen laufen. Ich werde aus Gesundheitsrücksichten wohl keine bezahlte Vorlesung halten, sondern außer 2 Stunden Repetitionskursus nur 2 Übungen, eine philos. und eine päd., zu je 1 Stunde, damit ich vielleicht schon Ende März abbrechen kann. Die geplante neue Vorlesung über Ethik im Sommer muß ich dann fallen lassen.
Der Januar wird ja schon bunt genug werden: zur Hälfte Bürgerkrieg, zur Hälfte Wahlagitation. Für uns bleibt die Arbeit immer die gleiche, ob die Studenten kommen oder nicht, und daneben die vielen Pflichten des Tages. Ich habe bereits durch Anschlag erklärt, daß ich keine neue Dissertation annehme.
Cassel wird nun vielleicht Sitz der Nationalversammlung. Das wäre mir um Euretwillen nicht lieb. Denn zu Unruhen würde es auch dort kommen. Hoffentlich entschließt man sich für Erfurt. Es wird eine Judenversammlung werden. Ich fürchte fast, daß es der lieben Tante nicht gut geht, weil ich noch nichts von Dir hörte. Wie habt ihr die Tage verbracht? 'Gesund' ist jetzt schließlich das Maximum.
Die Zeit zu betrachten ist doch höchst interessant, und Silvester regt doppelt dazu an.
[4]
| Aber die Pflicht gegen das Volk und Pflicht gegen sich selbst sind nicht identisch. Soll man für den Tag arbeiten oder nach ausgereiften und ausdauernden Werken wissenschaftlicher Art streben? Viel Achtung vorm Volk kann man im Augenblick nicht haben. Ich verstehe die Leute, die die Arbeit an ihm für hoffnungslos gehalten haben. Aber ich kann nicht handeln wie sie. Pädagogik und Philosophie liegen wieder einmal im Streite. Ruhiger lebt und gesünder bleibt jedenfalls der Philosoph ohne pädagogische Tendenzen.
Wenn wieder bessere Bahnverbindungen kommen oder nur erträgliche, dann mußt Du einmal herkommen. Bei dieser rasend schnellen Zeit kann man mit Briefen allein nicht im Zusammenhang bleiben. Ich hätte Dir sehr viel zu sagen, aber ich kann es unmöglich schreiben. Das aber ist gewiß, daß wir auch in dieses Jahr gemeinsam gehen: immer ernster und immer gebundener, nicht wie einst, mit froher Erwartung, daß die Verhältnisse etwas bringen werden. Alles will gestaltet sein. Nimm auch 1919 an diesem Gestalten Anteil und verliere nicht die Geduld, wenn Dir die Nachrichten zu spärlich scheinen. Ich bin mit meinen Gedanken immer bei Dir, aber meine Hand kann oft nicht mehr, und meine Nerven widersetzen sich der steten Anspannung mit dem Willen. Ich brauchte mehr als je einen Helfer. Aber wirkliche Menschen sind ferner als je, und man steht auf sich selbst. Dir wünsche ich für das beginnende Jahr Ruhe daheim und ein Wiederaufblühen Deines Glaubens an Deutschland. Ich wäre glücklich, wenn meine neue Ideenwendung in Dir Hilfe und Verständnis fände. Und sol. bleibe ich unberührt von allem Wechsel der Zeit immerdar im Sinne von Heidelberg Dein Eduard.
[li. Rand] Der lieben Tante meine herzlichen Neujahrswünsche.
[Kopf] Die Städtebilder haben mich am Heiligen Abend beschäftigt u. manchmal sehnsüchtig gestimmt.

Leipzig 30.XII.18.
Unter den 14. Briefen der heutigen Morgenpost war auch der Deinige. Er hat mich recht fröhlich gestimmt. Denn er erinnerte mich an Silvester 1912/3, wo Du auch solche Grabgesänge anstimmtest, und 1913 wurde eigentlich das einzige ungetrübte Jahr außer 1912. Daß die Lage jetzt eine außerordentlich gefährliche, ja anarchische ist, dazu gehört kein Vorgefühl, das greift man ja mit Händen und steht auch in m. gestrigen Zeilen, die infolge besonderer nervöser Erschöpfung sehr matt ausgefallen sind. Ich habe aber keineswegs die Absicht, 1919 in Schönheit zu sterben, sondern denke eher an Abreise, wenn es zu kitzlig wird, und dasselbe möchte ich Dir auch empfehlen. "Mitten wir im Leben sind von dem Tod umfangen", Memento mori - das sind alte Wahrheiten, aber ich liebe sie eigentlich nicht in einer Stunde, wo auf die Aktivität des einzelnen alles ankommt.
Bitte kaufe Dir (der Beschleunigung wegen) die Voss. Zeitung am Sonntag und ermiß danach, ob man demokratisch wählen soll. Ich werde vermutlich mit Hermann gehen.
Die Verse erkenne ich als "gestohlen" aus dem Kasten der Uhr. Sie kommen
[2]
| aber zur guten Zeit. Auch Dich bitte ich, an diesem Glauben festzuhalten. Sollen wir untergehen, so wollen wir auch dies hinnehmen: denn dann ist es wohl Bewahrung vor einem Leben, das nicht erträglich wäre.
Von Dora Thümmel kam heut auch ein Brief. In der Grundempfindung stark und groß wie immer. Sie macht Fortschritte in der Beweglichkeit; aber Dr. Bardenheuer soll sehr schwer krank sein, so daß vieles in Frage gestellt ist. - Felizitas aber hat Fortschritte gemacht, über die ich nicht genug staunen kann. Ihr spontaner Brief ist fehlerlos, ganz natürlich und doch ganz vollendet in der Form. Da habe ich wirklich Freude.
Bernhard Schwarz - Augsburg, Schröbler, u. v. andre melden sich auch wieder. Was hat man zu trösten! Was hat man zu tun. Lies den Golem jetzt nicht, damit Deine Weissagekraft nicht noch gestärkt wird; sondern halte Dich an das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit, an unsern alten Christenglauben, wie es sich ja von selbst versteht.
Mit nochmaligen innigen Neujahrswünschen Dein
Eduard