Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 12. Januar 1919 (Leipzig)


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<li. obere Ecke: Zeichnung des Neuen Rathauses u. auf S. 3 der Thomaskirche>
<Gedruckt: Leipzig, am> 12.I.19.
Liebste Freundin! Da muß ich dann doch sagen! ..... Allerdings hat mir Riehl genau dieselbe Frage gestellt, und sogar mein Buchhändler hier auch. Also meine verehrten politischen Klienten: Merkt Euch für immer und besonders für jetzt: Parteien beurteilt man weniger nach ihrem Programm, als nach ihrer Vergangenheit und ihren bereits aktiv bekannten Persönlichkeiten. Die Programme sind natürlich auf Stimmenfang nach links und rechts berechnet.
Demokratie ist kein Parteiname. Denn da wir jetzt eine demokratische Regierungsform haben , d. h. allgem. gl. dir. geh. Wahlrecht mit parlamentarischer Mehrheitsregierung, so ist eigentlich jede nicht reaktionäre [über der Zeile] = gegenrevolutionäre Partei u. jede nicht umstürzlerische demokratisch. Das brauchte also eigentlich nicht gesagt zu werden. Wenn nun die "demokratische Volkspartei", Sozialisierung in ihr Programm schreibt, so heißt dies, daß man die Sache als unentrinnbar ansieht, sie deshalb maßvoll begünstigen u. einige sozialdemokratische Stimmen (Mehrheitssoz.) abfangen will. Im Grunde aber sind ihre Mitglieder die alten Fortschrittsleute, d. h. Liberale, die immer nur neue Freiheiten im Staat suchen, eigentlich keine Außenpolitik treiben, vielfach Kapitalisten u. überwiegend Juden sind. Deshalb fehlt ja die Bezeichnung national. Wer ausdrücklich national wählen will, muß sich schon an die ehemaligen Nationalliberalen halten. (jetzt Deutsche Volkspartei) oder an die ehemals Konservativen (jetzt deutsch-nationale Volkspartei.) Bei den letzteren nimmt er allerdings die Verbindung von Staat u. Kirche in den Kauf.
Du siehst schon aus dieser Gliederung, daß bis jetzt bei den Bürgerlichen noch gar keine klare Gedankenbildung für den neuen Staat eingesetzt hat. Deshalb muß ein vernünftiger Wähler dafür sorgen, daß übhpt Leute mit einem Staatsgedanken und mit nationaler Treue in die Nationalversammlung kommen. Ich würde also "Deutsche Volkspartei" wählen. Die gibt es aber in Leipzig nicht. Deshalb bleibt mir nichts anderes als deutsch-national. Denn die demokratische Volkspartei ist eben die Färbung Götz, die ich nicht mag.
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Ob es nun zu den Wahlen kommt, ist doch sehr zweifelhaft. Ich fürchte ganz wie Du, daß man in Berlin zu früh nachgibt. Die Sache ist keine Durchgangskrisis, sondern eine Weltkrankheit. Eigentlich müßte man eine Völkerpsychiatrie haben, um sie zu bekämpfen. Pohle spricht von Kulturfäulnis u. Völkerselbstmord. Die ungeheure Kraft, die in diesem Desperadotum steckt, sieht man ja in Berlin.
Hier herrscht nun diese Richtung ohne jede Verhüllung. Regierungstruppen, die nach Berlin sollten, sind bei Leutzsch von Matrosen mit Maschinengewehren beschossen u. entwaffnet worden. Einen neuen Zwischenfall in der Universität; die eigentlich gestern "gestürmt" werden sollte, berichtet Dir das beiliegende Zeitungsblatt. Ich war natürlich auch in der Vorlesung. Hätten sie sie mit angehört, wären die Demonstranten von selbst hinausgelaufen. Abends <unleserlicher durchgestrichener Buchstabe> tagte die von mir angeregte Verfassungkommission, in der mir die Ausarbeitung der grundlegenden Denkschrift für die Beratungen übertragen wurde. Wach ist auch drin. Ich begleitete den Rektor nach Hause u. sprach lange mit ihm über die Lage. Er meinte nicht mit Unrecht: es bestehe Gefahr, daß Liebknecht, wenn er in Berlin Boden verliere, nach Leipzig flüchten könne u. daß ihm hier ein Königreich begründet würde. Jedenfalls müßten wir auf irgend eine Art "erobert" werden. Bisher aber soll (vertraulich!) die Regierung Ebert hier um freiwilligen Eintritt der Studenten in das Regierungsheer ersucht haben. - Ein hiesiger A. u. S. Befehl verbietet den Eintritt in den Heimatschutz - Ost (obwohl wir unsere Kartoffeln aus Posen beziehen.)
Fräulein Marianne Götze hat sich zu Neujahr mit einem (älteren) Forstmeister in der Sächs. Schweiz verlobt. Infolgedessen ersticken wir fast unter den herrlichen Blumen, Zeichen einer Schätzung für sie, die ich teile. Hochzeit um Ostern. Was dann? Es scheint, daß ich zu Hause bleiben kann. Der verflossene Minister Schmidt, der mir wiederholt über Berliner Verhältnisse geschrieben hat, spricht von meiner Berufung nach Berlin wie von einer vollendeten Tatsache.
Ich habe heute nur Deinen letzten Brief beantwortet, nicht den vorletzten, auf den zu sagen wäre, daß man sich jetzt gegenseitig das Herz nicht schwer machen soll. Es sind nicht die Zeiten des persönlichen Brief
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|wechsels wie einst; da muß dann jeder den Glauben aufbringen, daß der andre noch derselbe ist, im übrigen aber ihn stark machen, weil unsre Zeit Taten braucht und nicht trübe Ahnungen.
Es fehlen mir alle Nachrichten von Nieschling, Ludwig, aus Baumschulenweg. Mein Vater, der anscheinend stumpfer wird, schreibt auch mir nur Postkarten, meistens nach Geldsendungen; er wie Riehls sind ja Gottlob nicht in gefährdeten Stadtteilen. Von der Kurfürstenstr. wird dasselbe gelten.
Eugenias Fortgang wird sehr schmerzlich sein. Indessen kann man sagen: Entweder ist Ostern die Lage so, daß man sich doch kein Mädchen mehr halten kann, oder so, daß man mit großer Leichtigkeit eines bekommt. - Ich nahm immer an, daß Du die wichtigsten Platonischen Dialoge hättest. Schreibe mir doch, ob u. welche Du hast.
Stolpes haben sich mir so genähert, daß ich nicht anders kann als gut sein und wieder hingehen. Teubner hat die 3. Auflage (bis 13 000) gedruckt, ohne mich zu fragen. Der Inhalt ist ja z. T. schon veraltet. Niemeyer fragt heut wegen der neuen Auflage der Lebensformen an. Meiner will Fichte - Schleiermacher - Steffens, was garnicht gekauft worden ist, zerschneiden. Ich habe protestiert.
Deine Versammlungsberichte waren mir sehr interessant. Bringe Dich aber nicht in Gefahr! Heut ist bei Euch Demonstration. Es scheint aber doch wesentlich anständiger zuzugehen als hier. Die 600 M bringe bitte auf die Sparkasse. Ich verteile der Sicherheit wegen (ich habe nämlich z. Z. so verdächtig hohe Einnahmen, daß unbedingt irgend ein Zwischenfall kommen muß.) Auch nach Partenkirchen habe ich 600 M geschickt.
Jetzt will ich mit Morgner 1 Stunde spazieren gehen. Deshalb breche ich für heut ab. Denn Abends muß ich noch viel arbeiten. Abgesehen von Zahnbehandlung u. einem fast 5 Wochen alten leichten Husten geht es mir ganz gut. Ich hoffe, daß Du auch in Ordnung bist u. bei Straßenkämpfen nicht nach dem Möncheberg gehst. Der lieben Tante danke ich herzlichst für ihr <li. Rand> Gedenken. Sie weiß, daß auch ich für sie die treuesten Wünsche hege. ad. 2.II: der Vorstand hat Kultur u. Erziehung
<Kopf>
Viele herzliche Grüße stets Dein Eduard.

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<Abschnitt einer Postanweisung vom 8.I.19 über 600 Mark>
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Brief folgt. Bene agere et laetari, non letari. Herzlichen Gruß
Eduard