Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 25. Januar 1919 (Leipzig)


[1]
|
Leipzig, den 25. Januar 1919.
Liebste Freundin!
In den Zeitungsnachrichten macht sich die Sache schlimmer, als sie ist. Vor 8 Tagen sind hier die Zeitungen besetzt worden und in der Universität wurde der Kollege Weule, seitdem Beule genannt, wohl infolge ungeschickten Verhaltens, verfolgt, mißhandelt und im Auto verschleppt, Volkelt (!) und der Rektor auf Waffen untersucht u.s.w. Seitdem aber ist Ruhe. Der A.- u. S. Rat hat die Ereignisse ausdrücklich mißbilligt. Er will Ordnung halten, obwohl ich nicht einsehe, wer ihn eines Tages nötigen soll, seinen Platz zu räumen.
Zur Zeit besteht also eigentlich keine
[2]
| greifbare Gefahr, und Dein liebes Anerbieten darf ich unter diesem Vorwande nicht annehmen. Indessen wäre es doch sehr schön, wenn wir einmal ein paar Tage zusammen sein könnten. Darf ich Dir jetzt die Reise und Entbehrungen zumuten? Wirst Du einen Erlaubnisschein zur Fahrt bekommen? Du müßtest über Sangerhausen - Halle fahren, da die Strecke Weimar wohl sehr besetzt ist. Wie wäre es: Abreise am 14. Februar, wir verleben Sonnabend, Sonntag, Montag gemeinsam, Dienstag fährst Du wieder zur Arbeit heim. Ich wäre herzlich froh!
Mir geht es im Augenblick schlecht. Ich habe am Mittwoch ein unmotiviertes Frieren bekommen, ohne Fieber und Pulsveränderung, also Nervenelend; dazu seit gestern (infolge 5facher Behandlung durch eine Zahnärztin) Zahnschmerzen. Ich muß mich mal ein paar
[3]
| Tage gründlich ausruhen. Dabei lebe ich eigentlich ganz gesund. Denn um 10 wird das Gas abgesperrt, und ich muß ins Bett. Das Semester ist eben für meine Kraftverhältnisse zu lang.
Habe ich eigentlich geschrieben, daß Frl. Marianne Götze sich zu Neujahr verlobt hat?
Der beiliegende Brief von Oesterreich hat mir wirklich weh getan. Das wollen deutsche Männer sein! Aber so war er immer, suggestibel bis zur Selbstwegwerfung, reiner Ästhet, Gelegenheitspolitiker. Du erinnerst Dich noch, wie er 1912 über die süddeutsche Demokratie geschimpft hat, weil er sich mit s. Hauswirt u. s. Dienstmädchen nicht vertragen konnte.
Die Rungeschen Kinder, denen ich zu Weihnachten für 12 M Bücher gesandt habe, haben sich erst gestern auf Reklamation bedankt. Der Posten fällt nächstes Jahr fort.
[4]
| Der kleine Scholz soll wieder schwer krank sein. Jedenfalls kann er keinen Dienst tun. Es geht allen "Deutschen" schlecht.
Wenn Du kannst, versäume nicht, ordentlich Decken für die Fahrt mitzunehmen, auch für das Hotel. Denn hier ist wie überall Kohlenmangel. Deinem Geheimrat drohe mit dem Streik; denn das ist jetzt so üblich, und verlange für die Tage Deiner Abwesenheit dreifaches Gehalt.
Nächste Woche schließt dieses schwere Semester. Die politische Vorlesung konnte ich am letzten Montag wegen Elektrizitätsstreik nicht halten. Sie muß also Do. auch noch nachgeholt werden. Die Denkschrift für die Verfassungskommission ist im Entwurf fertig und wird heut um 12 von den Ordinarien vorberaten. - Sonst ist eigentlich nicht viel Neues hier passiert, am allerwenigsten etwas Erfreuliches.
In der Hoffnung auf eine zusagende Antwort grüßt Dich und die liebe Tante vielmals und innig
Dein Eduard