Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 5. Februar 1919 (Leipzig)


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5.II.19.
Liebste Freundin!
Ich habe zwar keine Ahnung, was Meningitis ist, muß aber aus Deinen Zeilen leider entnehmen, daß es ein sehr ernster Fall wäre. Hoffentlich kann er sich zum Guten entwickeln, und ich bitte um ständige Nachricht darüber.
So schmerzlich es mir ist, muß ich doch einsehen, daß jetzt zu viele Gründe gegen die Reise sprachen. Außer dem Krankheitsfall und der Kälte kommt die Unsicherheit der Strecke hinzu: zwischen Neudietendorf u. Weimar wird geschossen. Wir müssen etwas bessere Zeiten (falls sie kommen) abwarten. Im März wäre allerdings darauf zu achten, daß ein Aufenthalt während der Messe hier unmöglich ist. Im April möchte ich, falls ich die Vorträge im Berliner Zentralinstitut absagen kann u. falls annähernde Ordnung herrscht, versuchen, nach Partenkirchen zu fahren. Ich glaube, daß das gesundheitlich notwendig sein wird. Denn vor 14 Tagen war ich, obwohl wandelnd, krank. Wahrscheinlich Überanstrengung, Kälte, leichter chronischer Bronchialkatarrh mit den obligaten Schmerzen rechts - ich war nicht ohne Bedenken Infolgedessen habe ich mich zu einem Schleichhandel in Höhe von 60 M entschlossen: ich nehme jetzt täglich Lebertran, habe Butter, Speck, Fleisch, auch infolge freundlicher
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| Sendungen aus Partenkirchen, Königsberg, Lüdenscheid (!), und fühle schon leichte Besserung.
Das neue Semester hat heut begonnen. Es ist über alle Erwartung stark besucht. Mein Verzicht auf eine Vorlesung bedeutet den Verzicht auf 2000 M Einnahme. Meine 3 Übungen + 1 inoffizielle werden mir aber hoffentlich Zeit lassen, ein wenig an den "Lebensformen" u. zugleich für das Sommerkolleg zu arbeiten. Lauter Männer! Ungewohnte, aber angenehme Tatsache. Das letzte Semester hat doch ohne jeden Ausdruck von Dankbarkeit geschlossen, obwohl ich an den Kantübungen fast gestorben bin. Jede Woche (seit 4 Wochen) 2mal zur Zahnärztin, immer noch Schmerzen, jede Woche 2mal Reformkommission.
Gestern realisierteAufforderung, in Amsterdam über die Lebensformen zu reden, habe ich abtelegrapfiert. Du wirst mir in diesem Entschluß wohl beipflichten. Ebenso werde ich die heutige Aufforderung am 29.IV. in Stuttgart für die württemb Philologen zu reden, wohl ablehnen, da ich (falls nicht in Partenkirchen) am 27.IV bei Riehl sein möchte.
Heute kam nach 7 Monaten der 1. Brief von Heinrich Scholz. Er hat 4 Monate gelegen u. sieht jetzt seiner (lebens
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|gefährlichen) Operation entgegen. Er nimmt Abschied und empfiehlt mir das Schickal seiner Elisabeth, in seiner lieben kindlichen Weise, die mich freilich vor schwere Konflikte stellen kann. Aber er soll leben.
Ich denke mir, daß der Abschied aus diesem Deutschland nicht so schwer sein könnte. Die Voraussetzungen für den Inhalt unseres Lebens sind doch z. T. zerstört. Mystik wäre heute kaum noch Fahnenflucht. Es gehen oft merkwürdige Pläne durch meinen Kopf. Aber man muß für das Letzte gerüstet sein. Hier ist (abgesehen v. Arbeitslohndemonstrationen) Ruhe. Indessen steht man hier offen auf Seiten von Bremen, Gotha, etc.
Die Begründung des Instituts für Erziehung, Unterricht u. Jugendkunde hat in ganz Dtschld das größte Aufsehen erregt. 6 Institute sandten mir den beiliegenden Ausschnitt, Zuschriften von ganz u. halb Irrsinnigen etc. etc. Ich rühre keinen Finger, ehe nicht Ordnung im Lande ist.
Alte Gestalten tauchen wieder auf, z. T. älteste, Bernhard Schwarz; mein Schüler Dr. Falckenberg (1910), Sohn des Erlanger Philosophen u. viele andere.
Der Feldmarschall v. Bülow wünscht heut von mir ein philosophisch-völkerrechtliches Gutachten!
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Den Brief v. Oesterreich wirst Du noch haben, und wenn es keine große Mühe macht, bitte ich Dich um ihn. Denn ich muß der Klarheit wegen doch antworten. - Den Pelzkragen habe ich jetzt manchmal getragen.
Im besten Falle werden wir wohl alt und grau sein, wenn wir einmal wieder die Reichenau, den heiligen Boden wahrer Jugend, betreten. Aber alle Sentimentalität ist uns schon ausgebrannt. Denke Dir, daß sich Strümpell dort mit unsrem verrückten Doktor angefreudet hat. Ich hoffe auf Dein Herkommen u. werde Dir dann einen Brief schicken, worin ich Dich ersuche, über die Illustrationen mit mir mündlich zu beraten.
Sonntag war ich - bei Stolpes, die doch sehr nett u. herzlich waren u. Dich vielmals grüßen lassen. Es wohnt jetzt in m. 2 Zimmern ein Kammergerichtsrat. Der Salon ist anscheinend auch vermietet. In m. Schlafzimmer tranken wir Kaffee.
Wegen Plato demnächst!
Von Nieschling u. Ludwig nichts. Von Schubert habe ich einen passablen Roman gelesen. Der Unterstaatssekretär Baege (Unabh. Soz.) hat mir zum Institut gratuliert. Frl. Glinzer will mich zum Reichsunterrichtsminister, während Dr. Schumann zum sächs. (für letzteres danke ich.) - Ich wünsche gute Besserung für Rudi. Strenge Dich nicht zu sehr an. Grüße alle. In herzlichstem Gedenken stets Dein Eduard.
[li. Rand] Bardenheuer ist totkrank!