Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 15. Februar 1919 (Leipzig)


[1]
|
Leipzig, den 15. Februar 1918 [unter der Zeile] 1919
Liebste Freundin!
Der Mensch schreibt jetzt mit Stift, damit die Tinte nicht ausläuft; und wenn das Papier besser wäre, müßte er sich in acht nehmen, daß ihm die Galle nicht überläuft.
Ich habe eben Deinen Kartenbrief bekommen und teile Deine Freude über die Besserung des Kleinen. Im stillen freilich muß ich fürchten, daß es nur die trügerische Wendung ist, die sich so oft für kurze Zeit einstellt. Die Lage des Vaters fühle ich von ganzem Herzen mit, und ich begreife, wie alle Eure Sorgen und Gedanken jetzt auf den armen Patienten gerichtet sind. Ich denke an das gleiche Schicksal meines Freundes Willmann. Möchte dies junge Leben erhalten bleiben.
Auch um die Tante habe ich mir Sorgen gemacht, und freue mich sehr, daß Du heut Besseres berichten kannst. Natürlich wäre meine Freude noch größer, wenn Du heut hier wärest. Es würde gerade jetzt glänzend passen, weil morgen der Bräutigam kommt und da jeder Teil seine volle Freiheit hätte. Später wird es dann sehr still im Hause werden. Aber wie wird es überhaupt werden! Für mich allein wäre die Wohnung leider zu groß. Es sind 7 oder 8 Zimmer.
[2]
|
Du beklagst Dich über zu spärliche Nachrichten. Es mag so sein, obwohl ich im letzten Brief alles Tatsächliche bis auf den Rest berührt hatte. Vergiß aber bitte nicht, was ich ja schon oft sagen mußte, daß ich bis an die letzten Grenzen meiner Kraft beschäftigt bin, und daß ich mehr einfach nicht kann, ohne verrückt zu werden, woran ich manchmal nah genug bin.
Mein Stundenplan:
Di. Fr. 8-9. Philosoph. - päd. Repetitionskursus }
Mi 8-10 Übungen über Fichtes Staatsphilosophie }  privatiss.
Do. 8-10       “       “ Schriften v. Kerschensteiner u. Förstergratis!
Di. 4-6 (alle 14 Tage) Repetition für Päd. Hauptfach }
Do. 4-5Sprechstunde.
2 mal wöchentlich Sitzungen der Verfassungskommission à 3 Stunden
2 mal        "       Zahnarzt, weil entweder mein Zahn oder die freundliche Dame nichts wert ist.
Dazu kommen Fakultätssitzungen etc.
Heute, Freitag, könnte es so aussehen, als ob ich bis Montag früh, bevor ein Staatsexamen ist, frei hätte. Aber 2 Dissertationen u. 2 Staatsarbeiten reichen ja wohl für die paar Stunden. Denn um 10 geht das Gas aus, was ich Dich auch zu beachten bitte, wenn Du ungeduldig wirst.
Über m. Organisationspläne wollte ich nicht Dir schreiben - das würde ein zu großer Brief - sondern schreiben. Es ist geschehen und steht in der Voss. Zeit. vom 29.I. Meine Ansicht ist noch heute so. Herre, Frau Witting und ich - wir sind
[3]
| unabhängig von einander auf den selben Gedanken gekommen: Wenn es uns gelingt, uns innerlich zu konsolidieren, ehe bei den Anderen die unvermeidliche Weltrevolution kommt, so haben wir den Vorsprung der inneren Verfassung, und haben zuletzt doch gesiegt. Dazu gehören aber andere Kräfte u. andere Köpfe als heute herrschen. Mein Widerstreben gegen die neue Ordnung beruht auch darauf, daß schließlich doch nur eine Regierung der Intelligenz, eine Aristokratie des Geistes, für den Regierten nichts Entwürdigendes hat.
Deine Begegnung mit Hindenburg hat etwas Ergreifendes. Die Liebe zu diesem Mann ist in mir so stark, daß mich vor der Mehrzahl des deutschen Volkes und seiner Undankbarkeit eben deshalb ekelt. Ein Wort über diese Dankbarkeit habe ich in Nr. 1 des Kunstwarts in diesem Jahre, habe aber das Blatt noch nicht zu sehen bekommen. - Walter Flex las ich mit Freude an seinem Idealismus; künstlerisch ist es nicht viel wert. Ob S. 39 "ein Prophezei auf unsre Zeit" ist?
Bannehrs Brief macht mir Freude. Ich schicke ihn das nächste Mal. Im ganzen glaube ich nicht, daß er seiner Kameradin in gleichem Sinne schreibt. Die Massensuggestion ist das 1. Argument gegen das gleiche Wahlrecht.
Elisabeth Scholz schreibt mir, daß die sehr schwere Operation überraschend gelungen ist und daß man hoffen darf. Kein Fieber, doch Schmerzen. - Frau Riehl geht es garnicht gut. Frl. Wezel hat für Ostern eine glänzende
[4]
| Stellung am Frauenseminar für soziale Berufsarbeit in Frankfurt/Main. Ich habe sie natürlich sehr empfohlen. In der Hochschule f. F. eine neue Krisis. Befriedigte Rache ist doch ein sehr schönes Gefühl. Diese hatte ich, als eine (wildfremde) Studentin zu mir kam, um mir zu erzählen, daß wieder mal 60 im Begriff sind, sich exmatrikulieren zu lassen, weil sie vom Senat keine Antwort bekommen. Daß Götz bei der Nationalversammlung durchgefallen ist, hast Du wohl gelesen.
Wir haben hier Schnee seit einer Woche, aber heut war ein rechter Frühlingstag. Am Montag war ich bei Strümpell. Er hat mich untersucht u. nichts gefunden. Nur gingen die Anforderungen über meine Kräfte, und ich solle mich schonen, auch mindestens den April fortgehen. Gut gesagt - doch wie machen?
Frl. Thümmel hat mit Frau Witting eine Schlittenfahrt gemacht. Im Sommer darf sie nach Berlin, soll aber im Winter wiederkommen.
Für Frau Weishaupt hätte ich an Geeignetem nur die Frauenbroschüre, die in der "Hilfe" glänzend besprochen worden ist. Sonst habe ich ja in der letzten Zeit nichts geschrieben. Ich freue mich, daß sie vorwärts kommt. Eine schwerer geprüfte Familie dürfte es kaum geben.
Obwohl ich an Taschentüchern nicht direkt Mangel leide, wäre mir doch eine Vermehrung gut; im Hinblick darauf, daß sich die Zeitzustände beinahe auf Rodts Höhe befinden.
[5]
| Wenn ich recht verstehe 6 zusammen 17 M - es könnte ja freilich auch eins zu 17 M gemeint sein, - so bitte ich um diese und danke im voraus.
Zu der kleinen Inge Ruge nimm Glückwunsch. Etwas Ironie ist ja dabei, wenn man jemanden gratuliert, der in dieses Deutschland geboren wird.
Muthesius war neulich hier, angemeldet per Telegramm, am demselben Tag, an dem ich Bär abgewälzt hatte. Es ging mir schlecht, er schleifte mich aber 5 Stunden, z. T. bei eisiger Kälte umher. Am nächsten Tage meldete sich dann Bär auch per Telegramm an. Dabei fördere Du nun mal Deine eignen Sachen. Natürlich haben sie immer Dringendes. Der Deutsche Lehrerverein ist verrückt geworden. Er macht Programme, die die dtsche Universität vernichten müßten. Natürlich müßte ich eilige Schritte dagegen tun, da ja gerade das Verrückte Aussicht hat, morgen Gesetz zu werden. Überhaupt wird es mit der ganzen Lehrerschaft immer unerfreulicher. Den Prof. Kühnel mußte ich neulich beinahe aus m. Wohnung herausschmeißen, da er in der unverschämtesten Weise eine Universitätsprofessur von mir forderte. Darauf beziehen sich auch meine "merkwürdigen Pläne". Ich bin entschlossen, wenn die Freiheit der Universität aufhört, die Professur niederzulegen und mich mit der bescheidensten Stellung zu begnügen, wenn sie mir nur m. philosophische Unabhängigkeit läßt.
Der Ruf nach Berlin scheint mir problematisch geworden zu sein. Wenigstens - im Vertrauen - soll Nelson
[6]
| wohl an Riehls Stelle kommen, weil er Verdienste um den Internationalismus hat. Nach Karl Brose fragte ich neulich Karlchen Pütter, der mich 2 Tage besuchte, um Rat in Studiensachen zu haben. Vater Pütter ist †.
Deine Frage nach dem Institut habe ich schon 10 Briefstellern beantworten müssen. Ohne Freude. Denn wer hofft denn jetzt auf Realisierung vernünftiger Pläne, zumal wenn sie Geld kosten? Also mit kurzen Worten: Es soll aus den beiden pädagogischen Seminaren allmählich ein sächsisches Zentralinstitut für Erziehung u. Unterricht werden.
Der Umgang mit den Studenten - Gottlob rein männliche Hörsäle habe ich jetzt - ist allein angenehm und erhebend. Es sind Männer, alle voll Eifer, und trotz ihrer Reife zum Lernen sehr bereit. Aber leider wird es den meisten so gehen wie dem armen Walther.
Die Hauptsache zum Schluß: Ob eine Reise nach L. möglich ist vor dem 1.III hängt hauptsächlich von der Gesundheit Rudis ab. Daneben wäre erwünscht, wenn die Reformkommission, deren Leitsätze von mir stammen, bereits fertig wäre. Das wird wohl 10 Tage dauern. Übrigens glaube ich an keine Leipziger Messe. Also bliebe dann der ganze März. Und Du müßtest über Weimar fahren. Denn die andren Züge sind ja zu schlecht.
[7]
|
Damit hätte ich nun wohl auf m. Liste alle Punkte durchstrichen. Ich muß schließen, da ich eigentlich noch 15 Briefe schreiben sollte. Doch werde ich über den an Kerschensteiner wohl nicht hinauskommen. Die meisten Briefe sind Ablehnungen von Broschüren, die ich schreiben soll.
Nun bitte ich Dich noch einmal, nicht die Geduld mit mir zu verlieren. Ich muß auch Geduld haben, wenn alles, was werden wolle, ringsum niederbricht und anstelle des geistigen Fortschritts überall geistiger Unrat zu tage kommt. Die noch immer nicht herauswollenden "Lebensformen" quälen mich auch.Es ist keine Existenz, und nur durch meine Träume huschen Bilder von Freudenstadt, von der Reichenau, und aus der Mark.
Daß sie ihre Wahrheit behalten, das sei gewiß. Aber es ist jetzt Winter.
Mit innigen Grüßen auch an die liebe Tante bin und bleibe ich
Dein
Eduard.