Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 23. Februar 1919 (Leipzig)


[1]
|
Leipzig, den 23. Februar 19.
Liebste Freundin!
Wir begehen Deinen Geburtstagdiesmal wohl unter den trübsten Umständen. Da muß Erinnerung an die Vergangenheit und die Hoffnung auf bessere Tage die schwere Gegenwart verklären helfen. Erinnere Dich der glücklichen Zeiten, die wir gemeinsam hatten, und laß uns unsre Gemeinschaft als unverlierbare innere Welt auch durch diese trostlosen Verhältnisse hindurchtragen! Gerade jetzt hängt ja alles davon ab, daß man in sich stark und zuversichtlich bleibt. Daß meine Wünsche für Dein Leben sich heut einen besonders warmen und vollen Ausdruck suchen möchten, fühlst Du durch die
[2]
| Unzulänglichkeit meiner Worte hindurch. Die beiden Bände Plato aber sollen Dich erinnern an Freudenstadt und damit an eine bessere Welt, als sie heut vor uns liegt, eine Welt, in der Idee und Liebe herrschten.
Dein Schweigen würde mich beunruhigen, wenn ich nicht wüßte, wie unbemerkt bei starker Inanspruchnahme die Tage dahin fließen. Ich lebe in der Hoffnung, daß der junge Patient sich allmählich erholt. Und auch von der Tante hoffe ich, daß sie wiederhergestellt ist. Sonst hättest Du ja für zwei arme Kranke zu sorgen. Auch der egoistische Wunsch, feste Pläne mit Dir machen zu können, erfüllt mich. Ich habe für die nächsten 10 Tage eine schwere neue Aufgabe: eine große Rede über den Völkerbund mit
[3]
| anschließender Resolution, die über die deutschen Grenzen hinausklingen soll, beides veranstaltet, wie man hofft, von der ganzen, einigen Studentenschaft. Ich mußte hier wohl Ja sagen, gegen Strümpells Befehl und mein Befinden. Außerdem wurde ich in der letzten Fakultätssitzung in 3 Kommissionen gewählt. (Die 4. ist die Verfassungskommission.)
Die Münchner Ereignisse haben uns um Wochen zurückgeworfen. Man sieht hieraus doch, wie wenig allgemeines Verantwortungsgefühl heut in unserem Feudaladel steckt. Ich habe mich durch diese Vorgänge sehr deprimieren lassen.
Gestern war ich bei Krügers [über der Zeile in lat. Schrift] Kruegers. Beide waren sehr nett. Aber ich passe nicht mehr für die Gesellschaft. Da war ein Literarhistoriker, der mir beim ersten Blick zuwider war, und nun muß man die maßgebenden Vorträge eines solchen Menschen anhören - unerträglich. Ich kam ganz verstimmt und
[4]
| vergrämt von diesem ersten Abend dieses Jahres außer dem Hause heim.
Bei Scholz soll es günstig gehen. Aber Frau Riehl ist recht krank. Natürlich Hunger und Gram vereint.
Ich habe für die Lebensformen mancherlei gelesen, auch wieder den Hyperion, mit allmählich stark wachsendem Genuß. Für m. Zwecke der reine Typus des Ästhetikers. Das ist ganz deutlich zu fühlen. Man weiß nur nicht, es auszudrücken.
Wundt fand ich neulich etwas leidend und etwas alt. Aber seine Freude, mich zu sehen, tat mir sehr wohl.
Ich hoffe morgen früh von Dir zu hören. Möge es Gutes sein. - In Wein kann ich diesmal nicht auf Dein Wohl trinken: es bleibt bei dem stillen, herzlichen und unwandelbaren Gedenken, das mich das ganze Jahr hindurch begleitet. Und so fühle meine Nähe und meine Liebe Dein <linker Rand> Eduard.