Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 14. März 1919 (Leipzig, Postkarte)


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Leipzig, den 14. März 1919
Liebste Freundin!
Deinen lieben Brief vom 6. März und die Karte vom 11. März habe ich vorgestern, bzw. gestern erhalten. Für einige Zeit ist also die Verbindung mal wieder da. An Reisen aber ist nicht zu denken, wenn man nicht Gefahr laufen will, von der Rückkehr abgeschnitten zu werden. Ich habe Dir als Drucksache die eingehenden Streikberichte gesandt und füge hier nichts hinzu. Doch bitte ich Dich, die Sache zu lesen: es vergehen einem dann die letzten Illusionen von der sozialistischen Gerechtigkeit. Übrigens waren wir absolut belagert: auch Fußgänger hätten die Stadt nur außerhalb der Landstraße verlassen können. Das nächste Mal
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| wird man wohl noch besser absperren. Nach einigen ist der nächste Generalstreik am 25. März, nach anderen am 28. April, am Tage des Messebeginns, angesetzt. Bis dahin sollen wohl die Ersatzbeamten ausgebildet werden.
Wo liegt die Grenze zwischen diesen Unabhängigen und Spartakus? Gegen die Regierungstruppen, die sie Noskebanden nennen (Volkszeitungsüberschrift: "Noskebanden plündern Halle*)" [li. Rand] *) In Halle soll es furchtbar gewesen sein.) haben sie Schützengraben aufgeworfen. Es vergeht einem der letzte Rest sozialer Gesinnung. Denn die ganze Sache ist inszeniert von wenigen Menschen mit Hilfe der "Volkszeitung" - Juden, Russen u. ein paar Gewaltideologen; die Masse folgt stumpfsinnig nach oder unterwirft sich dem Terror.
Da der Streik an der Gasanstalt Schäden verursacht hat, haben wir noch bis Sonntag kein
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| Licht. Heut sind es 14 Tage, daß ich mit einer Kerze auskommen muß. Es strengt die Augen an, und Arbeiten mit mehreren Büchern sind nicht zu machen. Trotz alledem habe ich viel gelesen und gedacht. Aber Du kannst Dir denken, daß nach 5½ Monaten Semester das Ruhebedürfnis sehr groß ist. Nun kommt, wie nach einer verstopften Wasserleitung, die ganze Flut der aufgestauten Post. Überall soll ich Gutachen geben, Denkschriften schreiben, Forderungen unterstützen, u.s.w.
Sehr interessant war die Haltung der Studentenschaft. Es war wieder ungetrübte Freude. Nach kurzem Schwanken haben sie uns, die wir unrühmlich geschwankt haben, zum Streik genötigt, meiner vom 1. Tage an feststehenden Ansicht nach mit vollem Recht. Biermann war anderer Ansicht u. hielt lange theoretische Reden über die Gefahren einer Politisierung der
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| Universität. Meiner Meinung nach soll man, wenn das Haus brennt, löschen, nicht Reden über das Wesen der Brände im allgemeinen halten. Übrigens gehen die Studenten z. T. in Freikorps. In Kiel hat Th. Bartram, der Prächtige, mit einer fulminanten Rede den Lebensbund "Frontsoldat" begründet; er bezeichnet diese Mittwochsrede als das Gegenstück zu meiner Mittwochsrede vom 30. Juli 1914. Welche Änderung seitdem! Ich glaube nicht, daß die Spartakistengefahr bereits überwunden ist. Vorsichthalber verteile ich mein Geld. Ich habe heut an Dich 400 M abgesandt. Die Banken waren hier schon besetzt; es ist nicht ganz klar, ob zu ihrem Schutz oder um sie in der Hand zu haben.
Die Rede über den Völkerbund ist natürlich gehalten. Ich kann auch gar nicht beurteilen, ob die Lage jetzt danach ist.
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Um auch von dem Häuslichen etwas zu sagen, so habe ich durch den Streik nicht zu leiden gehabt. Wir sind im Notfall auf einige Wochen versorgt, wenn man uns nicht ausplündert. Auch der menschliche Anschluß ist gut und warm. Nur Scherzeshalber erwähne ich 2 weniger erfreuliche Folgen der Verlobung. Frl. Götze lernt gestärkte Wäsche plätten, u. zwar an meinen Sachen. Seitdem sehe ich übel aus. Und der Forstmeister sendet von Zeit zu Zeit einen Ertrag seiner Jagd. - Gestern stank das Haus wie eine Abdeckerei: Mit Zagen sah ich dem Abendessen entgegen. Es erschien - zum zweiten Male in meinem Leben - ein Fuchsbraten, diesmal aber von einer Fuchsleiche, die ich refüsierte. Das hätten sie eigentlich nicht versuchen sollen. Es konnte einem bei Tisch übel werden, bis zum "Überreicht vom Verfasser."
Am 12. März war fast ein Sommertag. Ich
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| habe dann unter dem Umschlag immer Tage lang zu leiden und befinde mich auch jetzt wieder in einem störenden Zustande des Kopfdrucks.
Die Reformkommission hat unentwegt jede Woche 2mal getagt. Ein Genuß war es, Wach bei dieser Gelegenheit zu studieren. Mit Herre war ich dann auch jedesmal zusammen. Wir verstehen uns recht gut und aus seiner dreckigen Art klingt immer Sympathie und Vertrauen für mich heraus.
Gestern war auf meinem Tisch eine geheimnisvolle Sendung. (Ein ½ Pfd. Butter und 4 Eier.) Der Absender erklärt, jede Beleidigung liege ihm fern, er wolle seinen Namen nicht nennen, der Preis sei 4,50 M. Er empfehle, dafür ein Buch für die Bibliothek anzuschaffen. - Ich glaube dem Geheimnis auf der Spur zu sein; mein eigner Famulus im Bunde mit einem Freunde spielt dieses Spiel.
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| Ein neuer Beweis, daß in diesem schweigsamen und etwas unbeholfenem Menschen ein treuer, guter, warmer Kerl steckt.
Dem kleinen Scholz geht es gut. Werner Jaeger möchte ich auf eine philosophische Professur nach Kiel rufen. Dora Thümmel hat Gehversuche gemacht, soll aber in den letzten Tagen über Schmerzen sehr traurig gewesen sein. Es fragt sich, welcher Art die Schmerzen sind.
Von Nieschling nichts. Bei Ludwig ein 2. kleines Mädchen, "per Drucksache".
Die Gedichte würde ich gern mal sehen. Es ist wohl begreiflich, daß nach diesen mißglückten Regierungsexperimenten ein wenig Reaktion sich in jedem regt. Ist das Volk so, nachdem der Bändiger Staat von ihm genommen ist, oder liegt eine pathologische Erscheinung vor? Ich bemerke auch in unsern Kommissionen große intellektuelle
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| Unfähigkeiten. Der Hunger hat uns gebrochen.
Über Rudis Genesung, von der mir auch der Onkel schrieb, habe ich mich sehr gefreut. Eure Eugenia werdet Ihr sehr vermissen.
Leider können wir, wie ich schon sagte, an eine Begegnung jetzt nicht denken. Sobald die Verhältnisse etwas zuverlässiger werden, werde ich Dich bitten zu kommen. Freilich steht es auch mit der Ernährung hier sehr schlecht. Gestern Mittag habe ich, um einmal satt zu werden, 8 M ausgegeben. Hoffentlich bleibt es bei Euch in Cassel so ordentlich. Unser Kollege Des Courdres wurde durch den Streik in Cassel von der Rückkehr abgehalten.
Das ist nur eine Auslese dessen, was zu schreiben wäre. Ich fühle Deine Liebe und bin alle Tage mit meinen Gedanken bei Dir gewesen. Wie es in mir aussieht, wirst Du ja ahnen. Man fühlt sich nicht gern als Mitglied eines Lumpenvolkes. Wäre ich nicht akademischer Lehrer, der immer in einer herrlichen Luft atmet, hielte ich es wohl nicht aus. Viel innige Grüße <linker Rand> Euch beiden stets in Liebe Dein Eduard.
[Kopf S. 8] Das Landeskonsistorium hat mich zu Beratungen über den Religionsunterricht eingeladen. Der neue Minister bewundert seine Geheimräte.
[Kopf S. 7] Die Universität ist wiederholt von Bewaffneten bedroht worden. Gestern Interpellation darüber im Landtag.
[re. Rand S. 7] Die Voß schicke ich Dir leihweise.