Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 22. März 1919 (Leipzig)


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Leipzig, 22. März 1919.
(vor 10 Jahren Beerdigung meiner Mutter.)
Liebste Freundin!
Deine heut erhaltene liebe Karte beunruhigt mich durch den Schlußsatz: "Wir haben sehr schlechte Nachrichten aus Berlin." Geht es Deiner Schwester Lietz schlechter? Bitte bald um Aufklärung des betrübenden Satzes!
Ich habe heut die größte Rede meines Lebens hinter mir, wenn Hörerzahl und die gewünschte politische Tragweite dafür entscheidend sind.Die Drucksachen geben Dir nähere Auskunft. Die Resolution stammt auch von mir. 3 Tage hat ein künstlerisches Plakat mit m. Namen an den Säulen geprangt. Wohl 2000 Personen hatten sich eingefunden, obwohl draußen wenig über 0 und die Wandelhalle ungeheizt war. Ich habe mich ausgestopft und Deinen Pelzkragen oben, Deine Gummischuhe unten angehabt, beides aber und sogar den Überzieher bei Beginn der Rede von mir geworfen. Stimmlich
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| war ich ausgezeichnet disponiert, nicht die mindeste Mühe bei guter Akustik. Die Rede war formell fein durchgearbeitet, 3 mal 3 Teile, außerdem Einleitung und Schluß. Die Freiheit der rednerischen Entfaltung wurde dadurch beeinträchtigt, daß die Bogenlampe mein Pult nicht beleuchtete. Ich mußte bisweilen das Blatt mit den Notizen in die Hand nehmen, um nicht zu redselig zu werden (was beim Freisprechen unvermeidlich) und konnte daher die Hände nicht zum Reden (!) benutzen. Auch fürchtete ich zu lang zu werden und verzichtete daher auf feinere Stimmmodulationen, die Zeit kosten. Alles in allem führte ich in ¾ Stunden ohne störende Fehler meinen Vortrag bei gleichbleibender Aufmerksamkeit durch und hatte einen günstigen Erfolg (nicht 1, aber 2a nach meinem Urteil.) Auch der weitere Abend verlief ohne Zwischenfall (wennschon auch ohne Schwung - dies liegt in Hunger und Zeit) Es wird versichert, daß morgen die ganze Welt von diesem Vorgang weiß, und daß Wilson vor Freude vom Stuhl fallen wird. Brockdorff-Rantzau soll die ganze Maschinerie zur Verfügung
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| gestellt haben. Die Versammlung beschloß, daß ich gebeten werden solle, meine Rede in Druck zu geben.
Viele Kollegen mit Frauen waren da. Es kam aber von irgendwo eine Dämpfung. Wenn alle so denken wie ich, so sagen sie sich: diese Anknüpfung nach dem Westen kommt zu spät. Wir verfallen trotz aller Gegenwehr dem Bolschewismus. Auf wie lange, ist dunkel. Aber es kommt.
Neulich - in einer Reformkommissionssitzung in der ich ein kleines Echauffement mit dem Rektor hatte - waren ernste Beratungen mit den Studenten. Von Berlin aus war der Aufruf an die Studenten gekommen, sich freiwillig zum Heer zu melden. Begreiflicherweise tuen das die Studenten diesmal nicht, ohne sich durch einen regelrechten Kontrakt zu sichern. Sie verlangen für die Zeit ihres Dienstes völlige Schließung der Universitäten. Dies würde heißen, den Anfang des Sommersemesters bis zum August hinauszuschieben. Nun entstand ein circulus vitiosus. Wenn die Studenten sich dann nicht zahlreich melden, wozu dann die Schließung? In
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| Frankfurt sollen sich 36, in Halle 60 gemeldet haben. Man sagt aber - wäre die Schließung sicher gewesen, hätten sich mehr gemeldet. Der Rektor fuhr mit dem Vorsitzenden der Studentenschaft zu Noske; um Genaues über die Dringlichkeit der Sache zu erfahren und Gewähr zu halten, daß die Studenten nicht schon beim Abmarsch in Leipzig niedergeknallt werden. Wie die Sache ablief, hat mir die sonst so redselige Magnificenz, die trotz aller Verdienste doch ein übler Pfaffe bleibt, nicht erzählt. Ich vermute, daß die Schließung nicht erfolgt. Aber nicht, weil man die Studenten nicht bräuchte, sondern weil man schon nicht mehr den Mut hat, sie einzuberufen. Es wäre eine "weiße Garde.“
Lehrer in der Bavaria schimpfen heute wütend über Noske. Armes Deutschland, wie tief mußt Du noch sinken, um Dich wieder zu finden. Vom Weltkrieg zur Weltrevolution, und das heißt zunächst zur Kulturvernichtung.
Nur die Arbeit reißt nicht ab. Morgen muß ich gleich mit einem Gutachten für den Senat über Volkshochschulkurse anfangen. 3 Dissertationen liegen da.
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| Am 7. April einen Vortrag im neuen Akademikerbund. Das ist aber das Traurige, daß alles nur dem Über-Wasser-halten dient, daß diese viel gerühmte Revolution im Kern so unproduktiv ist, wie der Haß immer unproduktiv ist. Der Mehrheitssozialismus ist in seinem Kern eine ethische Lehre. Aber er hat die Massen nicht mehr. Diese beherrscht das Inanitionsdelirium. Es wird Jahre dauern, bis es besser wird. Der "Frontsoldat", den ich Dir gleichzeitig sende, ist ein Lichtblick. Ich soll nach Bartrams Willen Bundespräsident werde, lehne aber ab, weil es undelikat wäre, einen "zeitig d. u." dazu zu wählen. Ebensowenig kann ich die Redaktion der Zeitschrift übernehmen.
Meiner hat "Fichte, Schleiermacher, Steffens neu ausgestattet und herausgegeben. Vielleicht wirkt das Buch jetzt noch ein wenig.
Mit dem Zwischensemester bin ich durch den Streik sehr im Rückstand. Der Paukkursus wird aber mit wahrer Begeisterung besucht.
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Die Vorträge im Berliner Zentralinstitut habe ich abgesagt und meine Absage ist angenommen worden.
Für das Seminar habe ich eine hübsche Pestalozziplakette zu 36 M (Eisen) gekauft. Ein dankbarer Schüler hat ein großes Pestalozzibild geschenkt, dessen Rahmen ebenfalls 36 M kosten wird.
Schrieb ich, daß ein Ungenannter mir Eier, Butter und Veilchen sandte mit einem ungelenk rührenden Brief? Er gab alle Preise an (Schleuderpreise) ich solle dem Seminar dafür eine Broschüre kaufen: Attentäter ist mein eigner Famulus mit einem Freund.
Ich sende heut nur diesen Bericht. Wie steht es mit Deiner Arbeit? Vor dem 1.IV sind die Personenzüge noch billiger. Wenn Du am Freitag führest?
Herzlichste Grüße
Dein
Eduard.