Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 4. April 1919 (Leipzig)


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Leipzig, den 4. April 1919 abends.
Liebste Freundin! Deine lieben Zeilen haben mich über Deine Ankunft beruhigt, mir aber die Mißbilligung der Kofferangelegenheit nicht verringern können. Deine Eindrücke in Berlin sind überwiegend schmerzlich. Das Schlimmste ist eigentlich, daß diesem schrecklichen Leiden keine ausgleichende Liebe gegenübersteht. Dann wäre alles leichter zu tragen; so ist es dunkel ringsum und in der Zukunft. Deine Entschlüsse darf ich nicht beeinflussen. Aber Du weißt selbst, daß ein erster Schritt Dich auf Jahre binden würde. Im entscheidenden Augenblick wird es an Dir nicht fehlen. Nur als Haushalts- und Bequemlichkeitshilfe für Paul R. würde ich Dich nicht gern sehen.
Unser kurzes Zusammensein hat mir im Herzen wohlgetan. Wir haben wohl beide empfunden, wie viel ernster wir geworden sind. Es ist auch begreiflich, daß das lange Leiden uns stiller und weniger gefühlsbeweglich gemacht hat: sonst hätten wir ja wohl diese Zeit nicht überstanden. Aber die Gewißheit ist erneut, daß wir alle Epochen gemeinschaftlich leben.
Eine Zahngeschwulst, die sich schon am Sonntag ankündigte, hat sich unangenehm entwickelt; sie stammt anscheinend von einer Wurzel unter meiner Goldkrone. Ich werde also demnächst erst in der Lage sein, die zahnärztliche Behandlung zu bezahlen, indem ich der Dame etwas in die Hand spucke.
Du fragst nach meinem Mittwoch. Der Jahrmarkt zu Plundersweiler ist nichts dagegen. 8-10 Übungen, in denen mir ein Student (unter dem Mißfallen der übrigen) erklärt, wir stünden am Ende des Semesters u. hätten noch nicht einen Begriff scharf herausgearbeitet. 10-10 ¼ ein Student setzt mir auseinander, die Dozenten müßten sich den Studenten noch mehr widmen. 10 ¼ -11 ich berate eine Staatsexamensarbeit 11-11 ½ Probelektion über den Granit. 11 ½ Zigarreneinkauf u. Heimweg zu Fuß = 20 Pf. Ersparnis. 2-4 Vorbereitung auf die Senatssitzung. 4 - ½ 5 der Kandidat Brückner erscheint zum 3. Mal in derselben Sache in m. Wohnung. 5 - 5.55. Der Abgeordnete Baege liest mir auf dem Seminar die Rede vor, die er am nächsten Tag in der Dresdner Gesetzgebungsdeputation halten will. 6.15 - 8.15. Sitzung im Senat. Ich erhalte 3 Lobsprüche von Wach, u. der Senat nimmt m. Gutachten über Volkshochschulkurse unverändert zur Weitergabe an das Ministerium an. - Ich schulde noch den Nachweis über die Zeit v. 5.55 - 6.10: die Dame, die ich Dir als "Leuchte" vorstellte, erscheint (nachdem sie tags zuvor in m. Wohnung mich nicht getroffen) im Seminar und macht mir eine ebenso ideale wie reale Liebeserklärung. Ich kenne nun das Verfahren schon, schüttle die Hand und schiebe den Eros von meiner Person ab auf die Idee, innerlich sehr beschäftigt, ob ich auch zur rechten Zeit im Senat sein kann. Die Leute tun jetzt manches, was sie früher nie getan hätten. Oben erwähnter studentischer Kritiker wird
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| tags darauf in der Sprechstunde von mir in alle Kühle abgewiesen und geht ohne Entschuldigung, der erste Fall dieser Art in 8 Jahren. Der Betreffende erscheint mir aber schon seit langem schwachsinnig.
Gestern Sprechstunde von 4-7, mit dem buntesten Inhalt. Um ½ 9 beginnt dann immer die Vorbereitung für den nächsten Tag. Mein Famulus ist erkrankt u. abgereist. Morgen 12-1 Antrittsvorlesung, ½ 3! Versammlung in der Wandelhalle zur Kundgebung für deutsch-oesterreichische Verbrüderung. Redner Herre. ½ 8 Seeliger. - Biermanns reisen nach Berlin und lassen mich als Generalstreikvater ihrer 4 köpfigen Familie zurück. Anfangs rechnete ich nach allen Nachrichten bestimmt mit Ausbruch der Krisis am Dienstag. Heute lauten die Nachrichten besser, ja ich liebängele mit der Reise am 14.IV. Schließlich ist es gleich, wo man die Konfusion miterlebt, und ich muß mich für den Sommer irgendwie auffrischen. Montag ist die Rede für die Akademiker. Dann ist wenigstens für den Moment nichts. Becker ist Unterstaatssekretär geworden, Baege geht ab. Das preuß. Ministerium entfärbt sich seiner Röte. Die Ernennung zum Mitglied des Verwaltungsrates des Zentralinstitus, die ich vor 1 ¼ Jahr liegen sah, ist nun da.
Das sind meine Erlebnisse in der Zwischenzeit. Schreibe mir bald, ob Du gut wieder heimgekommen bist. Und grüße die Tante. Ich bin in herzlicher Dankbarkeit für Dein Kommen und alle stillen und sichtbaren Zeichen Deiner Liebe
Dein
Eduard.