Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 9. April 1919 (Leipzig)


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Leipzig, den 9. April 1919.
Liebste Freundin!
Nun werde ich wohl bald kommen! Es ist zwar noch ruhig hier. Aber man sieht ja, wie sich das Gewitter allenthalben zusammenzieht. Außerdem wurde mir die Nachricht, daß Leipzig jetzt Hauptquartier der Spartakiden sei - sie stand zuerst im Lokalanzeiger - durch meinen Bankkassierer bestätigt. Er empfahl mir, mein Bankguthaben abzuheben, was ich dann auch bis auf einen kleinen Rest getan habe. Größere Guthaben überweisen sie in Erwartung bloß lokaler Städteregierungen an relativ gesichert liegende Städte, z. B. Wiesbaden, das zwar besetzt ist, aber nicht annektiert werden wird. Die Bankkreise wissen doch immer Bescheid.
An dem bayrischen Unternehmen bin ich, dank meiner "Vorsicht", auch mit 1000 M beteiligt. Nun, das wäre das Schlimmste nicht, und fürs erste rutschen die kleineren Guthaben durch. Die Universität München ist bereits aufgehoben. Ich werde heut in der Fakultätssitzung anregen, daß wir uns im voraus für schwere Fälle entschließen, d. h. gegebenenfalls die neue Regierung korporativ nicht anerkennen u. folglich auch die Aufhebung der Un. nicht anerkennen, damit wir, wenn Gott bessere Tage schickt, noch einmal zum Leben auferstehen können und ein neuer Staat seine etwaigen Ersparnisgelüste nicht durch Ausschließung einzelner Kollegen betätigen kann. So unsicher hat wohl seit Jahrhunderten keine deutsche Universität dagestanden; nicht einmal in den Tagen der frz. Okkupation.
Du wirst ja die Ereignisse verfolgen und zur rechten Zeit Eure Guthaben (auch Wertpapiere in Safes) abheben, d. h. noch ehe die Überrumpelung eintritt.
Deinen lieben Kartenbrief mit der Ankunftmeldung habe ich erhalten. In der Berliner Frage kann und darf ich Deinem Gefühl nicht vorgreifen. Aber ich habe zu bedenken: Deine Schwester hat ihre Mutter am Orte, für ihr Gemüt ist also gesorgt. Als bloße Arbeitskraft darfst Du Dich nicht verdingen. Es würde den endgiltigen Verzicht auf ein eignes Leben bedeuten und Dich vor Schwierigkeiten stellen, die Du doch nicht lösen kannst. Etwas anderes ist zeitlich begrenzte Hilfe in kritischen Fällen. Ännchen hat ja mit dem eignen Kind und Haushalt zu tun. Sie ist aber auch
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| in der Nähe. Von einer direkten Notlage, die Eingreifen erfordert, ist also nicht die Rede. Vergiß auch nicht, daß bei Berliner Verhältnissen eine Person mehr jetzt die Lage unter Umständen erschwert.
Der neulich erwähnte Zwischenfall entbehrt jedes erfreulichen Zuges. Es handelt sich anscheinend um eine geistige Anomalie. Ich erhielt einen Brief, der mir wenigstens ganz unverständlich war und den ich korrekt, kurz und kühl beantwortet habe. Übrigens steht die Dame bei mir mitten im Staatsexamen. Übermorgen endet das traurige Semester. Dann sind die Studenten für mehr als 3 Wochen fort, und der Universität fehlt damit - die energische Führung. Doch muß anerkannt werden, daß sich der Min. d. Innern bei der gestrigen Interpellation in der Volkskammer über die Drangsalierung der Un. sympathisch geäußert hat. Aber was werden diese Herren in 2 Wochen noch für eine Macht haben? - Der Kultusminister wird morgen hier erwartet. Unsre Magnificenz ist erklärtermaßen am Ende ihrer Nervenkraft.
Mein Vortrag am Montag, der eigentlich zur Aktion hätte aufrufen sollen, verlief ohne Diskussion, als eine bloße beifällig aufgenommene Plauderei. Die bekannte Untätigkeit des Bürgertums.
Von einer Reise nach Bayern kann jetzt keine Rede sein. Vielleicht aber tauche ich mal ganz unangemeldet bei Euch auf. Niemand weiß, was die nächsten Tage bringen. Aber zum Klappen kommt es und muß es kommen. Denn die Lage jetzt ist unhaltbar und unerträglich.
Ich gedenke Deiner in Liebe und grüße Dich viel tausendmal. Auch die liebe Tante.
Dein Eduard.