Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 6. Mai 1919 (Leipzig)


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Leipzig, den 6. Mai 1919.
Liebste Freundin!
Eine Karte hat Dir bereits meine Ankunft, die mit 1 Stunde Verspätung erfolgte, gemeldet. In meinen Zimmern fand ich einiges verändert, da Frl. Götzes Möbel bereits abtransportiert sind. Doch stellte sich nach dem ersten Schreck eigentlich alles als Verbesserung heraus. Durch Ankauf eines - zwar wenig schönen, aber sehr großen - Regals für 20 M ist meine Bücherraumnot völlig beseitigt. Und ein runder Tisch im Arbeitszimmer wirkt sehr gemütlich. Post lag nicht vor, nur einige neue Bücher, unter denen mir eine Schrift des jetzt abgehenden WGOR. Reinhardt durch auffallend weit gehende Konzessionen an die neuen Ansichten, von denen sonst bei ihm wenig zu bemerken war, mißfällig auffiel. Um so würdiger klang im Aufsatz von Scheler im "Leuchter" gerade über diese zu schnell Verwandelten. - Fräulein Götze kommt erst heute Nacht. Frau Direktor war etwas in der Hast Ich las meine Examensarbeit und ging früh ins Bett.
Heute morgen kam die revidierte Fassung des Bartramschen Vortrages mit einem Brief, in dem er schildert, daß er wegen dieser Rede mit seinem kommerzienrätlichen Vater in schwere Konflikte geraten sei, und durchblicken läßt, ich möchte durch einen Brief an den Vater der Sache eine gute Wendung geben Dieser Aufgabe, die heikel genug war, habe ich mich gleich heute Mittag unterzogen. Um 10 ging ich zu Fuß zum Examen - eine Fahrt mit der El, auch die kürzeste, kostet jetzt 25 Pf, - und erfuhr, daß sich schon jetzt für die Prüfung über 100 Kandidaten gemeldet haben; dies bedeutet, daß ich fast jeden Tag ein Staatsexamen haben werde. Zunächst wurden mir 5 neue Einladungen in die Hand gedrückt, darunter 2 Notprüfungen. Ende September soll ein Zwischensemester beginnen. Seeliger hat die Lungenentzündung, nicht ungefährlich bei seiner starken Konstitution. Auf dem Seminar fand ich die Tapezierer im neuen Zimmer beschäftigt, meinen Famulus, den "Volksbeauftragten Birkemeier", Frl. Kiehm jr., Frl Paul, die bewußte, und 4 nagelneue holzduftende Tafeln. Mittags Bavaria.
In der Sprechstunde meldeten sich 38 Mitglieder für die Kantübungen an. Außerdem brachte sie mir einen der ärgerlichsten Vorfälle, die ich in den 10 Jahren meiner akademischen Tätigkeit erlebt habe. Ich schicke Dir mit der Bitte um [über der Zeile] schnelle Rückgabe eine Schilderung des Falles, die ich als ein Protokoll für etwaige Weiterungen aufgezeichnet habe. Meine Semesterstimmung ist dadurch erheblich herabgedrückt worden. Man darf sich also heut nicht mehr vertraulich in seinen
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| Übungen äußern. So schwindet alles unter dem Gifthauch der Zeit. Der Betreffende ist ein glühender Anhänger Wynekens und ein Parteigänger der "Aktion", d. h. eines ideologischen Bolschewismus. Glücklicherweise konnte ich mich gleich nachher zu Herre darüber aussprechen. - Herre hält wie ich die Hauptgefahr von seiten des Bolschewismus für überwunden, falls nicht ein schlechter Friede ihn neu auflackern läßt.
Geistige Anarchie aber bleibt bestehen. Ich bin infolge meiner Gemütsverletzlichkeit dieser Situation schlecht gewachsen. Am liebsten würde ich jetzt lange schweigen und, wie in Cassel, an Gedanken von zeitloser Wahrheit arbeiten. Aber das wäre wieder eine Art von Fahnenflucht. Ich muß also durch all diese Ärgernisse hindurchwaten. Da kommt mir ein Spinoza mit seiner klassischen unerschütterlichen Ruhe wirklich zustatten. Er lehrt nicht, wie er glaubt, die Wahrheit, aber er zeigt einen Weg durch das Leben, der sicher der hilfreichste wäre, wenn man eben so empfinden könnte.
Im Seminar fand ich einen - nicht inhaltreichen, aber doch erfreulichen Brief von Else v. Hennig, die 1906 bei Knauer m. Schülerin war und mich aus Anlaß des Artikels in der Vossischen grüßte.
Das sind die Erlebnisse, seit wir uns trennten - ein Abstieg. Denn das muß ich Dir noch einmal sagen, daß ich diese letzten Tage als zu den glücklichsten gehörig empfunden habe, die wir seit langem hatten. So etwas gibt dann einen guten reinen Klang in die Differenzen der Welt mit und enthüllt aufs neue, was vielleicht das Gedränge des Tages nicht immer zum "adäquaten Erleben" kommen läßt, die Wahrheit und Tiefe unsrer Lebensgemeinschaft. Ein solcher Anckergrund kann von den Stürmen der Zeit nicht aufgewühlt werden. Der lieben Tante danke ich, daß sie uns dies Zusammensein gewährt hat. Hoffentlich kannst Du mir bald eine Besserung ihrer leiblichen und häuslichen Schmerzen berichten. Ich grüße sie, Herrn Walther und den Onkel, vor allem aber Dich, mein Liebes, von dem getrennt zu sein, obwohl es keine „Trennung“ ist, doch immer nur halbes Leben bedeutet.
Innigst Dein
Eduard.