Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 22. Mai 1919 (Leipzig)


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Leipzig, den 22. Mai 1919.
Liebste Freundin!
Gestern kam das große Paket. Der Gedanke, daß Du bei Deinen zahllosen Pflichten auch damit noch Mühe hattest, betrübt mich aufrichtig. Denn (da ich nichts höre) muß ich annehmen, daß ihr immer noch kein Mädchen habt, und da kenne ich ja den Gang des Tages aus eigner Anschauung. Hoffentlich werdet Ihr beide von diesem Zustand bald und so gut befreit, wie es jetzt bei uns der Fall ist. - Für die schöne Krawatte danke ich ganz besonders. Ich habe sie heute bereits leuchten lassen. Auch alles andre war willkommen.
Nächst Dir bin ich der meist beschäftigte Mensch. Erwarte deshalb von meiner Müdigkeit keinen eingehenden Brief. Der Stoff wäre auch diesmal zu groß. Dein im Ton der Unabhängigen vorgetragenes Verlangen nach dem Hölderlin kann ich leider nicht erfüllen, weil er noch nicht erschienen ist. Frau Riehl hat nur den Korrekturabzug. S. Z. wird er Dir nicht vorenthalten bleiben.
Sonntag Nachm. war ich mit Bartram in Krauthain u. hatte den Eindruck, daß diese Verbindung in den jetzigen niederdrückenden Zeiten erhebend sein kann. Es besteht einige Aussicht, daß er bei der Gedächtnisfeier am 1. Mai für die Studenten redet. Er ist voll von Ideendrang, kann nur mit den zugebilligten 10 Minuten nichts machen. - Montag war Fakultätssitzung. Dienstag um 6 Sitzung der von mir zusammengestellten gemischten Volkshochschulkommission (7 Dozenten, 6 Arbeitervertreter.) Bei den Beratungen trat der Redakteur der Volkszeitung "Herre" (!) besonders hervor, ein Fanatiker von Aussehen und Charakter. Ich könnte Bände über die USP. schreiben, nachdem ich diesen Mann habe 10 Minuten reden hören. Er wünschte Aufklärung über die "Tendenz" und lehnte jeden Gegenstand ab, bei dem nicht Gewißtheit gegeben sei, daß der Dozent nicht den Anschauungen seiner Partei entgegengesetzt lehre. Verschiedene Kollegen hielten die darauf folgende Streichung aller nationalökonomischen u. historischen Themen für unwürdig der Universität. Besonders Krueger, der sich nie mäßigen kann, spuckte schon in der Sitzung Gift und Galle. Ich habe aber am Mittwoch in der Senatssitzung als Gast den einstimmigen Beschluß durchgesetzt, daß wir den Weg weitergehen. 1) aus Pflicht zur Idee. 2) aus Politik; denn scheußlich unangenehm ist der USP. dies Entgegenkommen. Sie ist eine 2. katholische Kirche mit Bekenntniszwang und fürchtet die Wissenschaft, auf deren Boden sie angeblich steht. Es wird sehr schwer werden, aber E. S. fürchtet sich auf pädagogischem Boden vor nichts. Übrigens interessant: Am Montag war der Minister Buck hier. Er besuchte
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| laut Programm auch mein Seminar (von ½ 10 - ½ 1 mußte ich warten), und da dort für ihn außer einer untapezierten Stelle der Wand und dem neuen Zimmer eigentlich nichts zu sehen war, brachte ich das Gespräch auf die Volkshochschulkurse. Er betonte, daß Finanzwissenschaft, Geld-, Bank- u. Börsenwesen besonders erwünscht sei. Eine gleichsinnige Verordnung kam vom Wirtschaftsministerium. Du siehst: die USP. geht auch darin die Wege des Terrors und der Volksverfinsterung. Ich habe unendlich viel gelernt. Meine Gedanken waren dann auch am Dienstag um 8, als ich den Akad. Philos. Verein in Gegenwart der meisten Dozenten neu eröffnete, noch garnicht bei der Sache. Krueger schlug auch hier einen gereizten Ton an. Vermutlich stört ihn doch seine gänzliche Wirkungslosigkeit als akad. Lehrer. Ich hingegen könnte in der Nähe der Universität meinen Hut gleich abbehalten. Die Kulturphilosophie ist zwar für die meisten zu gut. Aber wenn ich sie doch nicht aufschreiben kann, so will ich sie wenigstens einmal erzählen. Die 5. Sitzung dieser Woche (Schulausschuß) habe ich heute geschwänzt.
Ich will ein Nachthemd kaufen, um ein altes nach Ch. abgeben zu können. Man spricht von 30 M. (mindestens!) In Cassel wird es wohl auch nicht anders sein. Bezugsschein für 2 habe ich. Teile mir doch bitte für die Vermögenserklärung mit, wie viel am 31.XII.1918 auf m. Sparkassenbuch stand.
Montag war ich 2 Stunden bei Wundt, der sehr über s. Ischias klagt u. viel vom Sterben spricht. Aber die Unterhaltung war sehr interessant. Am Sonnabend bin ich bei Volkelts. Sonntag habe ich das Schlimmste, eine Einladung zu Wirth, abgewendet. Nächste Woche sind 5 Prüfungen. Die Angaben auf dem Stundenplan gelten für den Fortbildungskursus ab Juni, Volkshochschulkursus ab nach Pfingsten.
Den unverschämten Preis bei Kay hatte ich bereits festgestellt. Bei Lorentz 1,80 M. Wenn Kay wirklich Postporto hinzurechnet, kämen höchstens 2 M heraus.
Märcker hat gründlich Ordnung geschafft, sogar die rote Fahne am Rathaus beseitigt. Aber ich traue dem Frieden noch nicht recht. Wenn die Regierung nicht bleibt, dann geht es uns um so schlimmer. S. den beiliegenden Brief. Ich habe K. gefragt, ob er ev. als 1. Honorarprof. nach Göttingen ginge?
Mein Arm tut heut beim Schreiben besonders weh. Auch ist es sehr spät, und morgen ist der lange Tag. Dein Stundenplan ist wohl aus der Zukunftszeit mit 4 stundenlang à la Möncheberg? Euch beiden viel herzliche Grüße u. gute Wünsche
stets Dein dankbarer Eduard.

[re. Rand] Wo sind die Spitzen?