Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 8. Juni 1919 (Leipzig)


[1]
|
Leipzig, den 8. Juni 1919.
Seminar.
Liebste Freundin!
Meine Gedanken sind in Sorge bei Dir. Die liebe Tante machte mir schon zu Ostern einen etwas leidenden Eindruck. Hoffentlich gelingt es, sie durch gute Pflege und seelischen Zuspruch, auch durch Sonne und Luft wieder in die Höhe zu bringen. Für Dich befürchte ich, daß Du über Deine Kräfte gehst. Schaffe doch ja, selbst unter größeren Opfern, eine Aufwartung. Denn Du kannst diese vielen Pflichten nebeneinander nicht bewältigen.
Die Hochzeit ist ruhiger und schöner verlaufen, als ich annahm. Freitag, nach dem Seminar, kam ich noch in einen menschenreichen Polterabend hinein. Ich schenkte 2 Dutzend Weingläser (40 M und m. großen
[2]
| Humboldt mit ein paar gereimten Worten.) Außerdem Blumen für Brautpaar u. m. Dame. Gestern war natürlich von früh an Feier (Frühstück, Kirche, Essen am Völkerschlachtdenkmal), alles in würdiger, gemessener und doch warmer Form, übrigens eine völlig alkohol- u. nikotinfreie Hochzeit. Vor Jahren wäre ich an so etwas gestorben. Dein Telegramm war auch mir ein lieber Gruß. Ich danke Dir, daß Du trotz allem Zeit dafür fandest.
Meine Stimmung ist trübe, mein Liebes. Ich werde sehr einsam hier. Biermanns sind nun alle fort. Marianne Goetze auch. Es wird leer. Zum Fest hat mich niemand eingeladen (letzten Sonntag freilich 4), nur morgen Nachm. bin ich bei Wundt. Heut sitze ich auf dem verschlossenen Seminar u. arbeite den ganzen Tag.
Mein empfindliches Gemüt hat recht schmerzliche Eindrücke gehabt. Meine Schüler (1 Herr, 3 Damen) beklagen sich darüber, daß in dem vor mir neu belebten philos. Verein von den "Philosophen", vornehmlich Husserl
[3]
|scher Richtung, über mich ungünstig geurteilt werde, auch menschlich - ich sei unnahbar, ohne Beziehung zum Leben (!), anscheinend auch herrschsüchtig u.s.w. Herr Birkemeier war so taktlos, mir all diese Dinge zu erzählen. Nun sage mir bloß, wie ich's machen soll. Ich lebe für nichts andres. Ich bin zu jedem freundlich, u. wenn ich einem Doktor sage (nach einem Urlaubsjahr) ich bedaure, bei seiner Promotion nicht mitgewirkt zu haben, so hält er dies für Herrschsucht. Die Menschen werden doch verrückt. Aber damit nicht genug: ein leichtes Wort der Klage zu Frl. Käthe Kiehm, der jüngeren Schwester, veranlaßt diese, Frl. Paul Mitteilungen über m. Seelenzustand zu machen, und diese schreibt mir, sie hätte für menschliche Aussprachen immer Zeit. Das ist ja sehr warm empfunden, muß doch aber (nach früheren Erfahrungen) zu Unmöglichkeiten führen. Noch dazu steht sie bei mir im Examen. Gott behüte mich vor meinen u.s.w.
Die seltenen Begegnungen mit Bartram sind angenehm und anregend. Die neue Volkshochschule habe
[4]
| ich ganz nach meinem Rezept auf die Beine gestellt. Es geht am 17. auch für mich los. Ich habe noch maßlos für den Rest des Semesters zu arbeiten. Zum Lesen komme ich, darin haben die "Philosophen" recht, zu wenig. Ob ich Ende der Woche nach Berlin kann, ist zweifelhaft, denn am Freitag ist bei der Beerdigung der Rosa Luxemburg wieder Streik.
Die Rede von Krueger war sehr mäßig. Allgemein Enttäuschung. Der Student Rosenberger sprach, unter Benutzung meiner Gedanken, recht gut. Frau Witting hatte auch einen Platz bekommen, durch m. Famulus. Professoren haben nicht mehr so viel Einfluß.
Ich bitte Dich nicht um einen Brief. Dazu hast Du jetzt keine verfügbare Kraft. Aber schreib' mir eine Karte über das Befinden der Tante. Und sag' ihr meine Grüße u. Wünsche.
Frau Direktor habe ich durch meinen Trost sehr erfreut: das Wappen der Familie Götze, das imaginäre, hab' ich geschildert. Eine Hand, die schaffende, die regierende, die liebende. Wir beide müssen nun miteinander auskommen: Frau Goetze u. Wundt sind meine einzigen Vertrauten hier, gute, aber alte <li. Rand> Gesellschaft. Der Sohn, Prof. Goetze aus Freiburg, ist auch hier. Ein lieber Mensch. Mit <Kopf> viel innigen Grüßen Dein Eduard.
[re. Rand S. 1] Das neue Seminar ist fertig!