Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 17. Juni 1919 (Savignyplatz, Kartenbrief)


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Savignyplatz 17.6.19
Liebste Freundin! Es ist mir sehr schmerzlich, daß ich so ganz ohne Nachrichten von Dir bleiben muß! Wenn ich doch wenigstens die Fieberkurven u. die Pulszahlen hätte! Aber nur bis Donnerstag früh würde Post mich bestimmt noch hier erreichen. - Meine Stelle bei den Beratungen Donnerstag um 12 scheint nur sehr platonisch zu sein: eine bloße Aufmerksamkeit des Grafen Brockdorff. Und ich verbummle hier meinen Beruf!
Heut früh: Ausw. Amt, Universität, Schloß, Frau Knauer, Graues Kloster (lief dem neuen Direktor in die Arme u. fand mich als mythischen Heros des Hauses.) Vater Scholz (nicht getroffen), 11-12 gutes Kolleg bei Riehl. Vergeblich in der Wohnung des alten Böhm, der anscheinend immer noch im Krankenhaus. Jetzt hier zu Mittag. Nachm. Riehls.
Wie anders alles u. doch unverändert! - Aber so geht es nicht weiter. Hier schon wieder Generalstreikdrohung. Ob man uns nur zum moralischen Hintergrund der Ablehnung des Ententefriedens haben will? Mit 1000 herzlichen Gedanken u. innigsten Grüßen Dein Eduard.