Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 22. Juni 1919 (Leipzig, Kartenbrief)


Sonntag 22.6. früh.
Liebste Freundin! Deine diktierte und Deine froh begrüßte eigenhändige Karte sind in meiner Hand. 37,5 früh ist mir noch zu viel. Auch wünsche ich Dir besseren Schlaf. Ist denn über die "Ätiologie" des Ganzen immer noch nichts festgestellt. Alle Dinge, deren Ursache man nicht kennt, sind unheimlich. Im übrigen laß es Dich nicht verdrießen, daß Du diese Zeit im Bett verbringst u. keine Zeitungen lesen kannst. Es gibt Augenblicke, in denen man sich noch weiter fortwünscht.
Freitag habe ich den Dienst wieder begonnen u. mich in den aufgeschichteten Berg hineingebissen. Nachm. tauchte plötzlich Nieschling auf, der eine Stelle beim Meßamt in Aussicht hatte. Ich widmete ihm noch nach dem Seminar 2 Stunden, freute mich an alter Lieb' u. Freundschaft u. fand ihn als dieselbe alte Flöte wie vor 5 Jahren. Er läßt Dir viel Herzliches sagen, ebenso alle, denen ich von Dir erzählte, besonders auch Morgner, der Dir eine gute Flasche Rotwein schicken wollte, aber keine fand. Es ist maßlos zu tun. Morgen kommt mal wieder der Minister. Dienstag beginnt der Volkshochschulkursus. Sei innig gegrüßt von Deinem bei jeder Arbeit doch an Dich denkenden Eduard. Gute Fortschritte!