Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 25. Juni 1919 (Leipzig)


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25.6.19.
Liebste Freundin!
Ich habe Dir am Dienstag, am Donnerstag und am Sonnabend voriger Woche geschrieben. Leider scheint nicht alles anzukommen. Und nun steht ein Eisenbahnerstreik bevor, der vielleicht wieder eine längere Absperrung der Nachrichten zur Folge hat. Die Nachrichten von Cassel las ich mit Beunruhigung. In Berlin N und Hamburg ist es ebenso. Es ist eben mit dem Friedensschluß noch lange nicht Schluß. Eine große Auseinandersetzung steht bevor.
Ich weiß nicht, ob ich wünschen soll, daß Du, unberührt von diesen Eindrücken, auf dem Möncheberg verpflegt wirst, oder bald in guter Gesundheit wieder in all diese Kämpfe hineingezogen wirst. Das Natürliche ist es wohl, geliebte Menschen gesund zu wünschen. Aber man steht jetzt auf mit dem Seufzer, daß man noch lebt, und zehnmal selig sind jetzt die Toten.
Ich danke Dir für Deine zweite eigenhändige Karte. Ist es nicht möglich, dann zu der Tante Fattke nach Sooden zu gehen? oder nach Hofgeismar? Von anderen Zukunftsgedanken will ich schweigen, bis Du wieder frischer bist. Das ganz nahe gerückte „ Berlin“ wird wohl diesmal
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| in Staatsbankrott oder in der Räterepublik untergehen.
Der 27. wird aus vielen Gründen kein Festtag sein. Wenn Du diese Zeilen erhältst, so fühle aber daraus meine Liebe und Nähe, die kein Zeitensturm gefährdet.
Ich bin bis zur äußersten Anspannung belastet. So, wie es noch niemals gewesen ist. Montag war wieder der Minister da. Gestern habe ich den Arbeiterkursus begonnen und dabei recht erfreuliche Eindrücke gehabt. Die ganze Sache findet den größten Zulauf und scheint zu gelingen, obwohl wir auf dem heißesten Boden dozieren.
Grüße den lieben Onkel, Herrn Walther und die freundlichen Schwestern. Deutschland hat seine Wahrheit jetzt in unseren Herzen, und dort bleibt es "über alles".
Werde mir gesund, mein Geliebtes, und sei innig gegrüßt von
Deinem
Eduard.