Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 29. Juni 1919 (Leipzig)


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Leipzig, den 29. Juni 1919.
Liebste Freundin!
Du hast mir schon an dem ruhigeren Abend des 26. Juni eine schöne Vorfeier bereitet. Ich empfing Deine lieben Blümchen, Deine eigenhändigen Grüße und den Schattenriß, um den ich die liebe Tante immer beneidet habe, der mich nun an das traute Zimmer erinnern wird, und mit dem ich, symbolisch betrachtet, alle Schatten des Augenblicks von Dir fortgenommen haben möchte. Am nächsten Abend kam dann noch Dein Kartenbrief, der mir beruhigende Nachrichten über den Fortschritt Deiner Genesung gab. "Fahre so fort."
Der 27. war einer der arbeitsreichsten Tage. 8-9 Kolleg, 9-10 Examen (mit Durchfall.) 10 ½ - 11 ½ statt Seminarvorbereitung 2 Besuche, 12-1 Doktorexamen (Nr. 1), 1-3 Mittag in
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| Stadt Freiberg mit dem Famulus. 4-6 Vorbereitung, dazwischen Frl. Kiehm. 7-9 Seminar. (gleichzeitig das Plenum der ord. Prof. versäumen müssen.) Um 10 kam ich zum Lesen meiner Briefe. Gestern habe ich gleich 15 beantwortet.
Am frühen Morgen bekam ich von Frau Dir. einen Tritt. (zum Hinaufsteigen an den Bücherregalen.) Dazu Blumen u. Gebäck, Rosen von Frl. Kiehm, Morgner (mit Fl. Wein.), Birkemeier, m. Vater u. m. Onkel. Von Frl. Kiehm u. Frl. Rauhut sehr schöne Kuchen, Frl. Dr. Zangenberg machte sich durch excellente Zigarren verdient. Elisabeth Lüpke sandte ein Notizbuch Ihres Vaters von 1893, worin auch m. Zensuren verzeichnet stehen. Sehr hübscher Gedanke. Frl. Hilgenfeld kleines Gebäck.
Die Briefe, von denen ich später wohl einige mitteilen werde, waren diesmal wahrhaft tröstlich. Jeder ist durch das Elend innerlich eine Stufe gehoben. Ich sah doch so viel Echtes, daß ich daraus den besten Glauben für unsre Zukunft
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| nahm. Biermann begnügte sich mit 1 Ansichtskarte. Von der Familie (bis jetzt) kein Wort. Er jammert immerzu u. gefällt mir wenig.
Viele haben nach Dir gefragt und ihre herzlichen Wünsche ausgesprochen, so vor allem Frau Riehl, Morgner, Susanne Conrad (die nun Ausländerin ist) u.s.w.
Schreibe mir doch nun einmal, wenn es Dich nicht anstrengt, wie Du Deine Rekonvaleszentenzeit denkst. Hier ist kein Luftkurort u. keine gute Verpflegung. Sonst würde ich raten: mache Dich zum Logirgast der Frau Direktor. Aber für Dich, und das ist die Hauptsache, wäre etwas Ländliches besser. Die Wohnung könnte vielleicht Walther brauchen? Wann denkst Du, daß Du den (erwiesenermaßen nahrhaften) Möncheberg verlassen kannst?
Bei mir geht es mal wieder über die Kräfte. Morgen muß ich 3 Stunden lesen! Jeden Tag 1 Examen, Sonnabend den 12. Juli 13 Probelektionen, zur Hälfte für Jungmann, halb für mich.
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| Ich will mir Mühe geben, daß ich die 4 Wochen noch durchkomme. Manche möchten mich zum Rektor. Ich habe erklärt, daß ich dafür nicht die Kräfte habe. (Ev. ja auch Berlin!)
Verzeih mir, mein Liebes, wenn ich in den nächsten Tagen nicht zum Schreiben komme. Es geht beim Willen nicht nach Lage des Stundenplans. Mein Kolleg, das gut gelingt, erfordert nämlich jetzt besonders viel Arbeit.
In mir rumort eine Idee, die vielleicht falsch, vielleicht sehr gut ist. Später werde ich sie Dir mitteilen. Heute bitte ich Dich nur, recht bald gesund zu werden. Wenn es Dich nicht anstrengt, schreibe mir manchmal. Ich grüße den Onkel und Walther; vor allem aber Dich mit innigem Dank für Dein Dasein, das auch im begonnenen Lebensjahr mein höchstes Glück sein wird.
Innigst Dein
Eduard.

Heyse hat in Bern summa cum laude promoviert u. schreibt rührend schön.
[li. Rand] Heut Nachm. bin ich mit Eulenburg zusammen. Sonnabend wohl Dresden.