Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 13. Juli 1919 (Leipzig)


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Leipzig, den 13. Juli 1919.
Liebste Freundin!
Eigentlich sollten Dich diese Zeilen in der Augustenstr. empfangen. Aber sie mußten bis heut verschoben werden. Ich danke Dir von Herzen für Brief und Vierblatt. Könnte ich heut nach Dir sehen! Ob Deine Christine schon um Dich waltet? Ob Du genug stärkende Lebensmittel hast? Und dann - es wird Dir gehen wie mir: man fühlt sich jetzt so einsam, nicht als ob bloß einer gestorben wäre, sondern, als ob es viele, viele wären, und man blieb allein auf der Welt. Ich bin dankbar, daß ich nun mit Dir doch wieder "voll" korrespondieren kann. Denn vieles habe ich zurückgehalten, um Dich nicht mit Unerfreulichem aufzuregen
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Die letzte Woche war vom schwersten Kaliber: 15 Stunden Sitzung, 10 Stunden Examen. ca 6 Stunden Sprechstunde und 10 Stunden Vorlesung - dies alles s [über der Zeile] auf 6 Tage verteilt! Vieles gedeiht, anderes ist unerfreulich und ärgerlich. Das letztere soll mir wohl den Abschied erleichtern. Es ist mir nicht wahrscheinlich, daß der Ruf nach Berlin noch zum 1.X erfolgen kann. Ein Vierteljahr Kündigung gilt doch auch bei den Ordinarien als Anstand. Aber wenn er kommt, werde ich wohl annehmen, weil in Sachsen zu viel Unabhängige, zu viel Volksschullehrer und zu viel Sachsen sind. Auch in dieser Hinsicht ist die Zukunft unbestimmt. Riehl hat erst gestern telegrafisch die Liste meiner Arbeiten erbeten. Bis die Vorschläge an die Regierung kommen, wird es mindestens
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| August.
Heut Vormittag (damit kein Vorm. frei ist) war hier die Begründung des Frontsoldaten. Bartram hatte einen großen Saal genommen, weil kein Auditorium reichen sollte; er sprach vor 1000 Menschen. Rektor Vorsitz. Bethe, Bartram, Spranger - die 3 Redner. Auf der Elektrischen begegneten mir zahllose bunte Mützenträger, die zum - Bummel fuhren. Im Saal fand ich ca 250 Leute. Auf diesen Resonanzboden kann man keine Rede halten. In der Tat lernte ich nun erst kennen, was Bartram ist und nicht ist. Sehr lehrreich. Manchmal erschrecke ich selbst vor der instinktiven Sicherheit meines Urteils über Menschen und Dinge. - Ich ließ mich durch die Leere nicht stören, stellte meine Rede um, holte absichtlich ganz von innen heraus und erzielte von den
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| Dreien den stärksten Erfolg. Du glaubst garnicht, was heute dazu gehört, um seine Hörer "mobil zu machen." Daran kannst Du schon sehen, daß wir eigentlich schwer krank sind. Vom Inhalt meiner Rede ein andermal.
Frl. Wezel ist hier. Gestern gelang es mir, 1 Stunde abzustoßen. Wir waren mit Frl. Kiehm in Leutzsch, und ich hatte an der J. W. wieder rechte Freude. Heyse wird bald zurückkehren. Meine Volkshochschule kommt ins Kreuzfeuer der Gegensätze, ich sehe aber einen glänzenden Weg, über den ich mit der USP ganz einig bin. Auch darüber einmal mündlich. Die offiziellen Vorlesungen schließen am 1. August. Ich werde aber einige Tage länger zu tun haben, und dann soll ja auch der Generalstreik beginnen. Am Dienstag, den 80. Geburtstag , kann ich nicht nach Berlin. Ich habe 100 M geschickt, 20 Zigarren und Blumen. -
Sei recht vernünftig, überhaste nichts, nimm zu an Leib' und Verstand u. sei innig gegrüßt von Deinem immer an Dich denkenden, selten schreibenden <li. Rand unten> Eduard.
[li. Rand oben] Ich trinke Baldriantee mit Erfolg.