Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 18. Juli 1919 (Leipzig)


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Leipzig, den 18. Juli 1919.
Mein Liebes!
Es freut mich, daß Du wieder daheim bist. Wenn die Räume Dir schmerzlich leer erscheinen, dann denke daran, daß ich auch dort war und immer noch dort weile und Dir nahe bin. Gern las ich, daß man Dir den Einzug verschönt hat. Und besonders will ich froh sein, wenn die letzten Schmerzen sich verloren haben, so daß Du ganz wieder - nicht die Alte, sondern die Junge bist. Die Familie eines Kollegen liegt ebenfalls an schwerer Fischvergiftigung; es scheint jetzt leider nichts Seltenes und dauert überall lange.
Lange dauert auch dieses Semester. Eigentlich kann ich schon längst nicht mehr. Ich schleppe mich nur noch bis zu dem Schluß, der offiziell heut in 14 Tagen erfolgt; freilich ist dann bis zum 6. noch
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| allerhand zu erledigen. Wären normale Zeiten, so würde ich vorschlagen, daß wir zusammen eine Erholungszeit verleben. Aber wo? Zum Experimentieren habe ich nach dem vorigen Sommer keinen Mut, und Du wirst außerdem mit der Auflösung des Haushaltes zu tun haben. Vielerlei Praktisches über Deine und meine Zukunft wäre zu besprechen. Deshalb ist mir so durch den Kopf gegangen, ob Du bei schnellem Fortschritt Deines Befindens nicht mit dem Vorstand, der ja bei Dir durchreist, auf einige Tage hierherkommen könntest. Aber ich fürchte, daß das noch verfrüht ist. Und Du darfst natürlich nichts Anstrengendes unternehmen, ehe Du wieder ganz frisch bist. Logieren könntest Du wohl bei Frau G. Ein Balkon mit Ruhegelegenheit ist auch hier, und ich würde ja zunächst nur zu den Mahlzeiten frei sein. Auch an eine kurze Begegnung in Coburg oder Bamberg habe ich gedacht. Du weißt ja, daß ich versprochen hatte, wieder
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| nach Partenkirchen zu gehen, und es wird (wenn keine Streiks kommen) auch ganz rationell sein. Denn ich muß vor dem Winter wieder ganz auf neu gearbeitet werden.
Deine und meine Zukunftspläne müssen jedenfalls erwogen werden. Hier arbeite ich mich kaputt, im Dienste einer täglich radikaleren Regierung, die die Universität Leipzig allmählich ruinieren wird. Vorgestern fand ich nun auf meinem Tisch die Nachricht, daß die Berliner Kommission mich ohne jedes Zögern an erster Stelle vorgeschlagen hat; daneben aber lag die erneute, gründlich motivierte und fast rührende Bitte, nach Wien zu kommen. Ich würde, wenn Berlin scheitert, Wien wohl annehmen. Denn dort würde ich weniger an dem Niedergangsgefühl leiden als hier. Und später, wenn es aufwärts geht, käme ich zurück. - Aber auch noch eine dritte Kombination kommt in Frage. Neben mir pari passu ist für Berlin Heinrich Maier vorgeschlagen. Sollte er wider den Wunsch der Fakultät genommen werden, so wird
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| Heidelberg frei, und ich könnte mich "bewerben".
Vielleicht sind deshab hier in der letzten Zeit so manche Ärgernisse gekommen, damit ich mich leichter loslöse. Ich fühle, daß es sein muß. Seit einigen Wochen ist dieses Gefühl ganz deutlich. Das Schöne, was ich hier hatte und habe, ist deshalb nicht ausgelöscht. Aber der Betrieb wächst mir hier über den Kopf. 7 Jahre habe ich den Stein gewälzt, den Meumann nach 1 Jahr liegen ließ.
In Berlin scheint zum 15. viel Besuch gewesen zu sein: Fräulein Lehmann, Mai, Häuseler, 3 Damen aus dem Geschäft, das nun seit 20 Jahren nicht mehr existiert.
Für heute nur diese Erwägungen. Werde gesund, ist mein Hauptwunsch. Wie geht es dem Kinde aus Hofgeismar? Meine Grüße an den Onkel, und vor allem an Dich, mein Armes und Liebes, hoffentlich bald nur noch "mein Liebes".
Innig - Dein Eduard.