Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 22./23. Juli 1919 (Leipzig)


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22.7.19.
Liebste Freundin!
Du kannst Dir denken, daß mir an Deinem lieben Brief die Nachricht von Deinen noch andauernden Schmerzen Sorge macht. Man hat keine Gewißheit, daß Du Dich schonst. Die erste Woche brachte schon zu viel Anstrengung, dank dem Fuß der Christine und Deiner gänzlich unverantwortlichen Arbeitswut. Es ist doch wirklich nicht so drängend, durch das Mikroskop zu kucken. Ich muß Dich ganz energisch bitten um meinetwillen, für die nächsten Wochen noch jede Form der Anstrengung zu vermeiden und noch ganz so zu leben, wie im Krankenhaus. Der Onkel kommt gewiß einmal und gibt seinen
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| Rat. Eine Erholungszeit wird nötig sein, und ich frage, ob Du nicht mit nach Partenkirchen willst. Stelle alle Rücksichten, die Dir einfallen könnten, beiseite. Die Hauptsache ist, daß für Dich das Richtige geschieht.
Gern käme ich natürlich nach Cassel. Aber für Dich wäre es nur Unruhe, und ich bin allerdings so völlig fertig, daß ich nur noch bis zum Ende des Semesters wanke. Es geht den meisten hier so. Ich muß, da am 1.X. das reguläre Semester beginnt, diesmal volle 6 Wochen Ferien machen.
Der 15.VII. war ein großer Besuchstag in Ch. und anscheinend sehr schön und festlich. Mein Kopf ist zum Empfinden von Leid und Freude jetzt einfach unfähig.
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| Auch Dich muß ich bitten, Dich mit diesen wenigen Zeilen zu begnügen. Ich denke immer an Dich. Auch dem Vorstand herzlichen Gruß. Vergiß nicht, daß, was Du für Dich tust, Pflicht und Liebe gegen mich ist!
Innig Dein
Eduard.

23.VII. Könntest Du nicht vorsichtig Tante Grete sondieren, ob ich ev. bei wohnen könnte in Berlin? Herzlichen Morgengruß E.