Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 4. August 1919 (Leipzig)


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Leipzig, den 4. August 1919.
Liebste Freundin!

Wer von uns beiden jetzt der kaputere ist, dürfte schwer zu entscheiden sein. Ich fühle mich nicht einmal kräftig genug zu der weiten Reise. Es ist ein Jammerzustand, wie ausgemergelt. Das ist mir auch insofern schmerzlich, als ich Dir infolgedessen in den Schwierigkeiten der Gegenwart so gar keine Stütze sein kann. Ich würde ja gern über Cassel fahren. Aber ich fürchte, meine Lunge bedarf mal wieder einer gründlichen Hilfe. Die alten Schmerzen sind wieder da. Und so muß ich Dich denn Deinen Sorgen ganz allein überlassen. Die Tante hat Dir den Nießbrauch bestimmt - wer bekommt denn das Kapital? Es wird bei dem Ganzen nach Abzug von Steuern und Krankheit und Unkosten nicht viel herauskommen. Der Versand der Sachen kostet auch ungeheuer viel, zumal wenn sie in viele Teile gehen. Mach die Sache nur kurz. Deine große Pietät ist der
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| Feind Deiner Genesung. Ich sehe das Ganze mit rechter Sorge an. Denn Deine Schmerzen werden bei dieser Tätigkeit (mit dem vielen Bücken) nicht besser.
Zu einem ruhigen Brief komme ich heut nicht. Ganze Berge von Unerledigtem liegen vor mir. Ich muß wenigstens disponieren, wo alles hin soll. Denn die Wohnung bleibt ganz leer (!) Und niemand hilft mir. Oft bin ich der Verzweiflung nah, wenn alles mir so über den Kopf wächst und die Menschen immer wieder mit Ansprüchen, nur mit Ansprüchen kommen. Frau Biermann ist überflüssigerweise auch noch eingetroffen. Auch vor der Fahrt habe ich Angst. Es geht nicht anders als: Mittwoch (eigentlich [über der zeile] nachts schon Do.) 12.49 hier ab. An München 8.45. Von dort 6.20 ab. An Part. 12 Uhr. Also 2 Nächte gehen drauf. Aber ich muß die letzte Kraft zusammenraffen.
Riehl schreibt heute sehr warm und herzlich: am 31. hat die Fakultät m. Vorschlag an 1. Stelle genehmigt. Die Regierung hat es jetzt und kann mich jeden Augenblick nach Berlin rufen. Es kann aber auch noch Wochen dauern.
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| Riehl denkt, daß ich schon zum W.S. kommen könnte, das am 20. Januar beginnt. Aber in m. hiesigen Diensteid habe ich beschworen, daß ich nur zum 1.X. oder 1. IV. fortgehe. Und dann kommt natürlich eine schwere Wohnungsfrage. Aus einer "eignen" Wohnung wird wohl noch nichts werden. "Nachlaßwünsche" widerstreben meiner Natur. Ich weiß, daß Du immer an mich denkst. Richte es so ein, daß Du nicht direkt Schaden dabei hast.
Morgen muß ich noch den Volkshochschulkursus schließen. Bei der Begründung des "Frontsoldaten" hatte ich die quälendsten Eindrücke, die ich Dir heut nicht schildern kann. Überhaupt bleibt das meiste ungesagt. Nur Götz habe ich heut alles gesagt, meine ganze Meinung, in Gegenwart von 3 Kollegen, und er hat sich auf dieselbe schlappe Art entschuldigt, die ich an ihm und dem lieben Sachsenvolk nun kenne.
Deine Christine ist der einzige Lichtpunkt. Schade, daß es doch wohl nur bis zum 1.X geht. Und Dein? Und dann? Politisch ist es ja etwas ruhiger geworden. Aber nicht gerade
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| würdiger. Pfui Teufel!
Zu Wundt muß ich auch noch, da ich ihn am Sonnabend nicht traf. Seit Semesterschluß habe ich erst 25 Briefe geschrieben und ebenso viel sind unerledigt. Wenn die Menschen nur einmal ahnten, was ich leiste. Aber immer nur Klagen, immer nur Ansprüche, immer nur Verlangen nach mehr.
Du siehst, ich bin körperlich und seelisch nicht in Ordnung. Von P. schreibe ich Dir hoffentlich besser. Ich muß lange dort bleiben. Über unser Wiedersehen dann von dort aus, wenn ich wieder Mensch bin. NB. - ganz vergaß ich, daß Riehls nach Garmisch gehen. Thümmels sind auch wohl noch 6 Tage da.
Denke an Deine Gesundheit und sei nachsichtig mit Deinem bis an den Rand des Möglichen geplagten
Eduard.