Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 4. August 1919 (Partenkirchen, Postkarte)


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Partenkirchen, den 8.8.19. Liebste Freundin! Diese Reise war eine Glanzleistung auf den Gebiet der Eisenbahnstrapazen. Mi. um ½ 10 abends ging ich vom Hause fort, kehrte vorm Bhf noch einmal um, Vergessenes zu holen. Um 1 kam der Dzug, für den ich 53,50 bezahlt hatte. Dafür stand u. hockte ich im Gang von 1 bis um 11 Uhr. Nur von Landshut an lieh mir jemand für ½ Stunde seinen Platz in einem Kriegsgewinner- u. Judenkoupé, in dem ich mir einen anscheinend österreichisch-jüdischen Floh holte. In München, wo Stacheldrähte u. Löcher in Scheiben u. Mauern an die vorangegangenen Ereignisse erinnern, mußte ich mich 7 Stunden ohne Hotel herumtreiben. Um ½ 5 ging ich an die Bahn u. erhielt in dem um 6 abgehenden Zug den letzten Platz. Um 11 war ich in P. Der Hausmeister allein (auf Wunsch) holte mich ab. Es war naßkalt. "Daheim" das Zimmer wie sonst. Nach excellentem Schlaf war Felizitas die erste, die ich sah. Sie ist dicker geworden, sonst unverändert. Überhaupt: es ist mir ergreifend, wie hier alles noch steht u. ich wieder da bin, u. in der Welt ist alles verändert. Die rückblickenden Gedanken heiligen mir den Tag. Ein langer Brief von Kerschensteiner empfing mich. Frau W.
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| kocht allein u. sieht leidend aus. Grete Thümmel im Dirndlkostüm tauchte auch auf. Nachher gehe ich zu den Schwestern, die am Montag reisen. - Es ist eigen, wie ich vieles, wo Du nicht dabei warst, später doch mit Dir erlebt zu haben glaube. Ein Beweis, wie ich an Dich denke u. daß Du mich immer begleitest. Für heute nur diese Meldung meiner Ankunft. Ich muß mal 3 Tage erst still liegen, um wieder ein Mensch zu werden, was ich nicht war, als ich Dir zuletzt schrieb. Viel innige Grüße u. Wünsche Dein Eduard.
[li. Rand] Grüße auch Tante Grete!