Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 13. August 1919 (Partenkirchen)


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Partenkirchen, den 13. August 1919.
Liebste Freundin!
Seit meiner Ankunft ist hier das herrlichste Wetter. Ich schwelge in Sonne und Verpflegung und empfinde nur dies als schmerzlich, daß ich dies alles nicht mit Dir genießen kann. Auch habe ich Sehnsucht, von Deinem Ergehen zu hören. Tante Grete hilft Dir hoffentlich ein bißchen beim Ordnen und Beschließen.
Noch ehe ich Frau Witting sah, tauchte hier Grete Thümmel auf. Dora kann sich schon ¼ Stunde und länger in der Schiene bewegen. Ich habe am Sonnabend mit beiden einen kleinen Ausflug gemacht, bei dem wir Dora Th. im Rollstuhl mitführten. Am Sonntag habe ich sie allein fast 3 Stunden mit reichlichem Schweißvergießen umhergefahren. Am Montag ganz früh sind beide abgereist. Die Beweglichkeit des Knies ist nicht zurückgekehrt. Die Hoffnung darauf ist nicht aufgegeben, aber recht gering. Im Winter
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| soll noch eine Nachkur folgen; es handelt sich also zunächst nur um einen Urlaub nach Friedenau.
Am Montag kam dann die Ablösung durch Riehls und Lore. Sie hatten auch eine schwere Reise. Wir sehen uns nur wenige Stunden, meist am 3. Orte; denn wir wohnen ½ Stunde von einander. Riehls betrachten m. Kommen nach Berlin als fait accompli. Tatsächlich pfeifen es die Spatzen von den Dächern. Wundt sprach mich bei m. Abschiedsbesuch darauf an. Kollegen gratulieren mir schriftlich, so z. B. auch Lenz von der Ostsee her, selbst Grete Stolpe weiß davon - nur ich bin sozusagen ohne offizielle Nachricht. Und im Moment käme sie mir sehr ungelegen. Denn wenn man in Berlin einen noch lebenden Professor haben will, muß ich mich erst auf neu arbeiten lassen. Die Bedingungen sind hier insofern glänzend, als die Erholung mit dem 1. Tage einsetzten konnte. Ich habe aber keine Muskel mehr. Der rechte Arm ist zeitweise im Schultergelenk nur mit Mühe beweglich. Auch sonst habe ich
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| erfreuliche Fortschritte konstatiert: nämlich das erste Grauwerden an den Schläfen.
Ich habe infolgedessen hier bisher fast nichts getan, worin mich Felizitas kräftig unterstützt hat. Ein bestimmtes Arbeitsthema schwebt mir außer den laufenden Pflichten auch nicht vor. Es fehlt am inneren Impuls. Eben lese ich Wolframs' Parzival. Wenn Langeweile gesund ist, paßt das zur Kur. Ich brauche es für eine Dissertation.
Einen Schreckschuß bekam ich sogleich hierher, insofern die Regierung alle Mittel für die Volkshochschulbewegung ablehnte. In freundlicher Form, aber doch gründlich. Das ist also im sozialistischen Staat auch möglich. Ich muß nun sehen, ob sich die Sache einigermaßen selbst trägt.
In der Bahn las ich von m. Kollegen Pohle "Kapitalismus und Sozialismus". Er sieht ja gewiß nicht beide Seiten. Indessen habe ich nirgends eine so gründliche und in den Hauptpunkten überzeugende restlose Ablehnung des sozialistischen Wirtschaftssystems
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| gelesen wie hier. Danach wäre das Ganze ein aussichtloses Experiment.
Kerschensteiner, der anscheinend Humor und Optimismus verloren hat, geht nach Tölz. Vielleicht kann ich ihn dann sehen. - Frau Witting ist mit dem Kochen sehr angestrengt. Eigentlich sehe ich sie nur Abends länger, und dann in sehr heterogener Gesellschaft, mit der ein einheitliches Gespräch zu führen einfach unmöglich ist.
Soll ich nun an den "Lebensformen" weiterarbeiten oder an Randbemerkungen zur Zeitgeschichte oder soll ich für die Volkshochschule ein ganz primitives Buch über Weltanschauungs- und Wertfragen schreiben? Wahrscheinlich komme ich überhaupt im besten Fall nur dazu, Wilamowitz' Plato zu lesen.
Laß Gutes von Dir hören und schreibe mir, welche Pläne Du nach dem 1.X. hast, damit ich meine Meinung auch dazu sagen kann. Ich gedenke Deiner immer und hoffe vor allem, daß Du die Schmerzen schon erfolgreich bekämpft hast. Mit innigen Grüßen
Dein Eduard.