Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 24. August 1919 (Partenkirchen)


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Partenkirchen, den 24. August 1919.
Liebste Freundin!
Ich muß wohl irgend etwas ganz Schreckliches angerichtet haben: denn von einer eingehenden Mitteilung über Deine Pläne ab Oktober weiß ich nichts. Entweder ist dieser Brief verloren gegangen, oder ich habe in der wahnsinnigen Überlastung der letzten Semesterwochen nicht apperzipiert. Im letzteren Falle müßte ich für das Unverzeihliche Nachsicht bei Deinen eignen Erfahrungen mit dem Gedächtnis erbitten; aber das ist mir doch nicht eigentlich wahrscheinlich. Einer Wendung aus einem Brief erinnere ich mich, auf die ich allerdings nicht geantwortet habe: es waren Pläne hinsichtlich Berlins, die damals trotz ihrer verlockenden Schönheit noch nicht in Betracht kamen, weil Berlin eben noch nicht sicher war, weil ich noch keine Wohnung habe, weil ich Paula nicht loswerde und - weil das eben doch nicht den Oktober betrifft. Wie es aber mit diesem ganzen dunklen Kapitel bestellt sei: ich bitte Dich um Verzeihung unter Hinweis auf die Umstände, die mir über den Kopf gewachsen waren und unter deren Nachwirkungen ich noch jetzt so leide, daß kein produktiver Gedanke in
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| mir aufsteigen will. Was nun meine Briefe an Dich betrifft, so weißt Du, daß ich, wenn ich irgend Zeit habe, schon aus innerem Antrieb schreibe, und daß dieser Trieb nicht gerade selten ist. Mahnungen beflügeln ihn nicht, sondern veranlassen mich, auch ohne Zeit und Trieb zu schreiben, und dies sind die Briefe, an denen Du keine Freude hast. Ich selbst leide sehr darunter, daß ich Dich über die Ereignisse meines Lebens und Denkens nicht mehr im Zusammenhang halten kann. Aber es ist völlig unmöglich, da alles jetzt zu große Dimensionen angenommen hat und da meine Hand physisch nicht mehr mitkommt. Wie wäre es denn, wenn Du für die 2. Hälfte des Oktober auf einige Zeit bei Frau Direktor (gegen Bezahlung) logiertest? Die 1. Hälfte ist für mich überlastet. Vielleicht aber gehst Du inzwischen mal nach Berlin?
Was ich von den Sachen brauchen könnte, fällt mir beim besten Willen nicht ein. Für die Biographien des Bücherschranks habe ich mich ja schon gemeldet. Eine eigne Wohnung werde ich auch in Berlin fürs erste kaum nehmen können, u. einzelne Möbel, wenn sie nicht zum Übrigen passen, bilden keinen guten Grundstock.
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| Deiner hellsichtigen Sorge für mich vertraue ich da alles.
Du wunderst Dich wohl, daß ich noch nicht zu den Verhandlungen nach Berlin gefahren bin. Ich habe aber versucht, sie bis Ende September hinauszuschieben. Man will mich anscheindend am liebsten zum 1.X. haben; aber das ist ja unmöglich und unanständig. Nun geht bei uns das W.S. bis 1.II., in Berlin beginnt es am 1.I. - folglich wird vor dem 1.IV. für die Universität wohl kein Anfang sein. Doch soll ich ausdrücklich auch schulpolitischer Berater im Ministerium werden, und das ist ja an keinen Termin gebunden, vielmehr sehr eilig. Ich aber halte diese Ära noch gar nicht für die entscheidende und ließe von dieser Politik am liebsten meine Finger. Die Antwort aus Berlin ist noch nicht da; es scheint also, daß man Geduld bis Ende September haben wird. Dresden hat sich auch schon gemeldet. Falls ich die lästige Rundfahrt P. - Berlin - Dresden - P. doch noch machen muß, schreibe ich Dir gleich eine Karte. Inzwischen habe ich in Wien endgiltig abgelehnt und ebenso das inoffiziell wiederholte Angebot einer Professur in Hamburg. Übrigens habe ich Berlin noch nicht
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| fest angenommen; finanziell dürfte es nämlich keine Verbesserung sein.
Das Wetter ist hier andauernd sonnig und warm bis zum späten Abend. Um so auffallender, daß die Armschmerzen nur zunehmen. Diese Zeilen schreibe ich nur mit Mühe, weil bei jeder Bewegung der Oberarm schmerzt. Es tut mir leid, daß unsre Sympathie sich auf dies traurige Gebiet erstreckt.
Riehls besuche ich in Garmisch oder sie kommen zu mir. Jeden Tag sehen wir uns doch 1-2 Stunden. Der Ruf kam gerade an ihrem 38. Hochzeitstag, u. ihre Freude war fast größer als meine; denn ich bin nun schon ein kritischer Alter geworden, u. meine Gemütswelt entspricht der trostlosen Lage. Ich weiß ja auch sehr wohl, daß die berliner Professur mir zunächst noch nicht so auf den Leib paßt wie die Leipziger. Aber Veränderung ist gut.
Gelesen habe ich bis jetzt Wolframs "Parzival" mit todesverachtendem Mut, ⅓ vom Wilamowitz' Plato (bis jetzt nicht ganz m. Erwartungen erfüllend) und einige Kleinigkeiten, auch eine Dissertation. Nun möchte ich zum Schreiben übergehen, bin aber noch unlustig und unschlüssig.
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Felicitas und Anderl leben mir den reinen Fall der Pubertät vor. Frau Witting kocht u. ist nur Abends im Zusammenhang zu sprechen.
Die Volkshochschule muß nun von den eigenen Einnahmen leben. Ich werde sie noch einmal organisieren; dann mögen andere hier weiterhelfen.
Mein Tag ist hier sehr gleichförmig. Um 8 sitze ich auf dem Balkon beim Frühstück, das Felizitas gekocht hat und mir in den Mund schiebt. Dann hole ich mir die Zeitung und lese 1 Stunde auf einer Bank.Von 11-1 wird gearbeitet. Um 1 Mittag. 2-3 Schlaf. Nachm. in Garmisch oder am Rießersee. Von ½ 7 - 8 kommt mein Sanctum, ein Spaziergang dem Karwendel entlang, meinem Offenbarungsberg, aus dem ich allerhand Geheimnisse lese. Um 8 gemeinsames Abendbrot im Familienkreise. Von ½ 10 - 11 Speech mit Frau W, gelegentlich mit Musik oder Lektüre.
Von meinen literarischen Pläne möchte ich heut noch nicht reden, weil sie noch ganz unreif sind. Der Mangel an Büchern hier bindet ja meine Bewegung sehr, und so angenehm der Balkon ist - für eine ganz gelehrte Arbeit ist er auch nicht
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| der rechte Fleck. Übrigens ist seit Anfang dieses Monats hier ein ungeheurer Fremdenverkehr, besonders an Feiertagen. Manchmal kommt die Sorge, ob auch zur Rückfahrt noch Eisenbahnen gehen. Aber mir ist dies nicht so dringend. Riehls jedoch haben einen Umzug vor.
Muthesius, der fast ¼ Jahr nicht geschrieben hat, macht traurige Andeutungen, daß er seinen jüngsten Sohn "verloren" habe. Du erinnerst Dich der flüchtigen Begegnung vor der Post in Weimar. Mir war der junge Mann äußerst unsympathisch.
Von etwaigen neuen Vorgängen hörst Du sofort per Karte. Mir wäre es vor allem ein Bedürfnis, Besseres über Dein Befinden zu hören. Ich erlebe mit Dir die schmerzlichen Tage, in denen Du den lieben alten Haushalt auflösest, in dem auch ich so viel glückliche Stunden verlebt habe. Alles im Dasein fließt und fließt. Nur die Liebe bleibt, und die leidet ja wohl nicht unter dem schlechten Gedächtnis?
Innigst
Dein
Eduard.

[li. Rand] 1 Pension hier eigentlich 21 M - für mich 17 M. Eine Tasse Kaffee 60 - 80 Pf, 1 Stück Kuchen 1 M u. s. fort
[re. Rand] Frau Direktor habe ich nun auch die ev. Trennung bekannt gemacht.