Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 31. August/1. September 1919 (Partenkirchen)


[1]
|
Partenkirchen, den 31. August 1919
abends 7 Uhr.
Liebste Freundin!
Ich kann unsren Gedenktag nicht vorübergehn lassen, ohne Dir einen Gruß zu senden. Wie wirst Du den Tag, der uns sonst vereinte - in Heidelberg, Alpirsbach, Reichenau, Heilbronn u. sonst - verlebt haben? Für mich begann er mit einem Blick um 5 auf die neubeschneiten Berghäupter; aber erst um 8 saß ich im Paletot auf dem Balkon, allein, da Felizitas die Zeit verschlafen hatte, und betrachtete den sonnigen, selten klaren Tag. Um ½ 9 war ich schon nach Osten unterwegs. Nieschling, der möglicherweise von Elmau kommen sollte (nun aber erst morgen kommt) begegnete mir nicht. Den Vormittag benutzte ich, um 17 Postsachen fertig zu machen. Um 1 kamen die 3 Riehls - sie benutzten die Pension W. zum Mittagschlaf, während ich aß
[2]
| Am Nachm. war Frau Riehl lange bei Frau Witting. Wie sie miteinander ausgekommen sind, weiß ich noch nicht. Bei der ersten Begegnung fand Frau Riehl kein glückliches Ohmen. Frau W. nahm aber alles mit guter Laune auf. Es ist großartig, was sie leistet - sie kocht für 30 Personen, und ist dabei noch zu geistigen Dingen frisch. Abends lese ich ihr vor, was ich am Tage geschrieben: bis jetzt 25 Folioseiten einer volkstümlichen Wertlehre, von der ich noch nicht weiß, ob sie zustande kommt. Was dasteht, ist nicht schlecht, aber es ist eben auch nicht für jeden Arbeiter verständlich und teilt diese Eigenschaft mit dem Staat, an dem jetzt jeder herumzetert. Natürlich kann ich während dieser Gebärzeit wieder nichts lesen und komme so ins Hintertreffen. Die fast 20 Briefe, die ich täglich nach dem Bekanntwerden des Rufes erhielt, waren zwar inhaltlich oft recht schön (ich hoffe, Dir Proben senden zu können), aber
[3]
| das Beantworten ist nicht schön.
In der beginnenden Woche hoffe ich mit Kerschensteiner in Kochel zusammentreffen zu können. Wir müssen eine Art Schulprogramm entwerfen. Er fährt am 6. zum deutschen Ausschuß in Berlin, den ich schwänzen werde. Ohnehin graut mir vor der Reiserei, die am 19., spätestens am 22. beginnt, und der dann ein dreifach besetzter Semesteranfang folgt.
Bis jetzt war hier fast immer gutes Wetter. Ich nütze die Zeit wirklich für die Erholung aus, habe aber trotzdem unter wachsenden rheumatischen Beschwerden rechts im Oberarm zu leiden, die mich besonders des nachts stören, weil ich auf diesem Arm zu liegen gewöhnt bin.
Riehls reisen am Dienstag. Diesmal haben wir das Zusammensein wirklich genossen.
Hast Du eine gute neue Photographie von mir? Alle möglichen Bureaus ersuchen mich darum, und ich möchte mich doch auch mal in
[4]
| der Woche sehen.
Ich hoffe im Stillen, daß Du mir für heute eine kurze Nachricht zugedacht hast. Aber Sonntags gibt es im sozialistischen Bayern keine Post. Deshalb lasse ich den Brief bis morgen offen, werde aber, weil Nieschling da ist, nur noch eine Zeile hinzufügen können. (NB. Johanna Wezel zieht nun doch zu Weises!)

1.IX.19
Leider 20 Briefe, aber leider nicht von Dir. Also noch einmal herzlichen Gruß. Nieschling ist hier. Auch recht alt geworden. Er grüßt mit mir. Ich bin
stets Dein
Eduard