Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 11. September 1919 (Partenkirchen)


[1]
|
Partenkirchen, den 11. September 1919.
Liebste Freundin!
Dein Brief vom 29. August, der Kartenbrief vom 3. September und der heut erhaltene vom 9. September liegen vor mir. Warum der letzte eine solche Anhäufung von Vorwürfen enthält, ist mir nicht recht klar. Ich habe wie jedes Jahr den 31. als Feiertag empfunden, habe Dir zu ihm eine Karte, an ihm einen Brief geschrieben. Du hast den 31. am 3. September überhaupt zu erst erwähnt, und es liegt jetzt am 9. kein Grund vor, mich der Säumigkeit zu zeihen. Aber, mein liebes Kind, diese Stimmung ist nur das düstere Gestirn der nächtlichen Stunde und der Übermüdung. Wenn es Dir besser ginge und Du nicht so sehr überanstrengt wärest, so würdest Du in anderer Laune meine Gedanken und mich auch jetzt verstehen. Denn Epochen der erzwungenen Trennung kommen in jedem Leben vor; man muß sich in ihnen nicht auseinanderleben, sondern festhalten. Bei der Wohnungsauflösung praktisch helfen konnte ich Dir wirklich nicht; da waren ja auch die Tante Grete und der Vorstand in der Nähe. Und seelisch helfen - ja ich glaubte, daß meine Briefe und Grüße Dir meine Nähe zum Bewußtsein
[2]
| gebracht hätten. Wenigstens sollten sie es, und ich habe mich hier von Dir nicht ferner gefühlt, als irgendwann und irgendwo. Ich muß es auch hinnehmen, daß Deine Gedanken jetzt auf Dringendes konzentriert sind; ja, wenn es für Dich nicht so maßlos anstrengend wäre, so wäre es mir ganz recht, daß Du jetzt mal bis über die Ohren im Täglichen steckst. Man begreift dann nämlich, daß es auch dem anderen so gehen kann, und dafür, daß ich manchmal einfach nicht kann, haben doch meine liebsten und besten Geister eben kein Verständnis.
Nun aber ist mir das alles sehr unlieb. Denn es trifft auf einen angegriffenen Gesundheitszustand, der gewiß auch den Hintergrund der ungünstigen Stimmung bildet. Die Aufgabe wäre ja in 2 Monaten lösbar gewesen, wenn keine Teilung stattfinden sollte. Und in der bist Du gewiß, wie immer, so selbstlos und entgegenkommend gewesen, daß das Arrangement bei den jetzigen Verkehrsverhältnissen über das Mögliche hinausgeht. Hoffentlich ist das traurige Geschäft nun bald beendet. Du solltest dann irgendwo Dich gründlich erholen. In Leipzig soll es nicht sein. Dann würde ich ins Neckartal gehen. Und dort mein Liebes, wo unsre Freundschaft begann, würdest Du mich ja wohl auch wiederfinden, unverstellt durch die in den Jahren gewachsene Hölle von Ämtern und Pflichten. Du würdest dann sagen: Wenn er nicht leiblich und seelisch so völlig ausgepumpt
[3]
| gewesen wäre, dann wäre er über Cassel gereist. Und wenn er im Oktober noch Ferien hätte, dann hätte er sie mit mir geteilt." Da nun die Verhältnisse dies alles nicht gestattet haben, bin ich Deiner Liebe so weit gewiß, daß Du mir das ungetrübt glückliche Dasein hier gönnst und mir das Herz nicht schwer machst durch Gedanken, wie es sein könnte und hätte sein können. Was ich hier lebe und genieße, fühle ich so ganz in Dir. Aber eine häufige Folge von Briefen konnte ich nicht schreiben, weil meine Post von Pflichtsachen mir täglich fast 2 Stunden kostet, weil man in der Sommerfrische gern Spaziergänge macht und - weil ich in der glücklichsten, lang entbehrten philosophischen Entwicklung bin. Heut vor 8 Tagen habe ich die Lösung der Fragen gefunden, die uns seit 5 Jahren beschäftigen. Auf einem Baumstamm zwischen Grasegg und Elmau, auf dem Wege zu Nieschling, habe ich den überraschend einfachen und doch philosophisch epochemachenden Gedanken wie einen Blitz mit innerem Jubel plötzlich gesehen. Das konnte nur auf dem Boden einer wochenlangen Stille gedeihen, und die wirst Du mir um so weniger mißgönnen, als ich nun in den furchtbarsten Winter reise, den wir je erlebt haben. Denn er wird, allen Anzeichen <durchgestricher Buchstabe: unleserlich> nach, kalt und blutig werden.
Hier aber scheint nun, von 1 Regentag abgesehen, seit 5 Wochen die Sonne, und eben Nachts der herrlichste Vollmond. Die Pracht und die Schönheit der Natur übersteigt
[4]
| alle Vorstellungen und erinnert an den Frühling auf der Reichenau, den letzten. - Am Dienstag vor 8 Tagen sind Riehls abgereist, mit denen es so schön war. Vorgestern fuhr Felizitas unter Nieschlings Schutz nach Palling. Jetzt bin ich ganz allein, von Frau W. abgesehen, und lebe der Arbeit. Nischling habe ich in Elmau besucht, nachdem er 1 Tag mit mir und Riehls hier verlebt hatte. Vorgestern war ich noch am Rießersee. Mit ihm genoß ich, was ich seit 10 Jahren entbehrt habe, freundschaftliche Aussprache mit einer Mannesseele.
Sieh mal, wenn ich auf Deinen Leipziger Plan nicht eingegangen bin, so war es, weil er zwar schön, aber doch ganz undenkbar war. Denn Du konntest doch nicht nach Leipzig ziehen, während ich im Begriff war, fortzuziehen. Und Du hättest dort nie eine Wohnung, nicht einmal die Zuzugsgenehmigung erhalten. Bei der unbestimmten Lage der Dinge blieb als Dauersitz zunächst nur Heidelberg. Gern aber hätte ich Dich, wenn wir Kohlen hätten, den ganzen Winter in Leipzig. Frau Direktor würde es gewiß gern sehen. Zumal sie von einer Pensionärin sprach, die ich ablehnte. Denn es sollte eine Studentin sein.
Von Deinem Leben in Heidelberg verspreche ich mir zwischen uns die Rückkehr zu den guten alten Tagen. Ich bitte Dich, nicht ohne dringende Not zu Ruges [über der Zeile] Berlin zu gehen. Das Warum wäre hier zu lang. Nach Heidelberg überweise auch bitte das Sparkassenbuch, wenn Du dorthin gehst. Es soll zugleich zu Deiner Verfügung sein.
[5]
|
Mit Kerschensteiner habe ich bisher nur telephoniert, ohne viel zu verstehen. Vielleicht kommt er nächste Woche noch her. Mein Plan ist: Abreise am 21. um 6 Uhr früh. An Leipzig 22.  24. nach Berlin. Von dort nach Dresden. Dienstanfang am 1. Oktober.
Ein langes Lied müßte ich nun eigentlich noch von meiner Arbeiterhochschule erzählen. Sie ging vorzüglich, so gut, daß Herr Herre es für nötig hielt, sie in 5 Artikeln der Volkszeitung herunterzureißen und vor ihr zu warnen. Ich habe von hier aus schon die mühsamste Korrespondenz wegen der neuen Themata gehabt. Ob die ganze Sache nun stattfindet, hängt von dem Benehmen der Herren ab. Jedenfalls muß ich alles erst dem Senat vorlegen, und den Arbeitern gegenüber einige Zurückhaltung üben.
Eine Begleiterscheinung der Möglichkeit des Nachdenkens ist die, daß mich das Unglück Deutschlands erst jetzt in seiner ganzen Wucht ergreift. Es ist oft zum Verzweifeln, besonders wenn man sieht, welche Erziehungsarbeit an uns selbst zu leisten ist. Aber meine neuen Gedanken, die ich Dir hoffentlich mündlich entwickeln kann, sind so schön, daß ich in ihnen Seligkeit und selbst ein neues reines Verhältnis zum Leben finde, gewiß auch eine neue Brücke zu Dir.
[6]
|
Marken für Heinz werde ich hier sammeln und nächstens mitschicken. Ida, so störend sie Dir ist, ist wahrscheinlich der richtige Geschäftsmensch für die Auflösung des Haushaltes. Wie werden die lieben alten Sachen ankommen?
Beiliegend komme ich nun selbst zu Dir, ganz privatim, noch nicht in der Woche, für die ich kein gutes Bild hatte. Fühle darin den alten Deinen und bewahre bis zum Wiedersehen den Glauben und das Verstehen. Denke aber auch an Deine Gesundheit und kürze den Tag ab, der so entschieden zu lang ist.
Heute Vormittag habe ich den Abschnitt über Ästhetik, der jetzt ganz klar ist, beinahe vollendet. Es ist die 41. Folioseite. In 8 Tagen ist dann wieder für ½ Jahr Schluß.
Nun nimm viel Küsse und Grüße von Deinem immer unveränderten
Eduard.

Nieschlings Zukunft noch unbestimmt.