Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 28. September 1919 (Charlottenburg 4)


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Charlottenburg 4, den 28. September 1919.
Liebste Freundin!
Erst heut finde ich eine Viertelstunde, um Dir wenigstens die wichtigsten Tatsachen mitzuteilen. Ein größerer und schnellerer Wechsel zwischen Stille und lautester Hast dürfte noch nicht dagewesen sein.
Die Verhandlungen am Donnerstag im Ministerium haben mich befriedigt. Der Unterstaatssekretär Becker (in Wahrheit Minister) braucht mich als ein Stück seines Reorganisationsplanes und deckte mir alle Karten auf, schilderte auch alle neuen Persönlichkeiten, mit denen ich zu tun habe. Sein Freund, der Personalreferent Wende, machte einen guten, ehrlichen Eindruck. Wir waren über die Grundzüge des Äußeren bald einig. 25000 M Fixum werden mir garantiert. Mit Becker aß ich zu Mittag. Dabei fielen dann die entscheidenden Worte: "Sie sollen uns helfen gegen den Ansturm der Volksschullehrer; es
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| handelt sich um den Kampf der höheren Bildung". Entscheidend für mich, weil ja der offizielle Zug des Ministeriums entgegengesetzt geht und ich an dieser Vernichtung der Universitäten nicht hätte mitarbeiten mögen.
Was aber zu kämpfen sein wird, sah ich Dienst Freitag u. Sonnabend in 3 Sitzungen des Zentralinstituts, die zur Vorbereitung der Reichsschulkonferenz dienen sollen. Hier begann bereits der Konflikt mit dem "Geheimen Regierungsrat" Rektor Karstedt aus Nordhausen, der der Lehrervertreter im Ministerium ist. Gegenseitige Antipathie lag im ersten Blick. In der Tat kam es zu keiner rechten Einigung. Den Vorsitz hatte Minister a. D. Schmidt. Außerdem waren viele alte und gute Bekannte aus dem Ministerium u. der Lehrerschaft dabei, auch Muthesius und der "Regierungsrat“ Ziertmann vom Landesgewerbeamt. - Was für Wege u. Entfernungen: Am Do. war ich noch bei Ludwigs, en passant, als Taufpate des 2. Kindes, konnte aber die Taufe um 7 nicht abwarten,
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| weil ich nach der Prenzlauer Allee zu Rektor Pretzel, Deutscher Lehrerverein, mußte. Von dort zu Riehls, die vor 3 Tagen nach Viktoria-Luiseplatz 12 umgezogen sind. Vorgestern erzählte mir auf dem Wege zu Stumpf, den ich nicht traf, Muthesius die Tragödie seines Jüngsten. Gestern war ich im Ministerium bei Troeltsch (vergeblich) und nachm, von Thiele begleitet, bei Erdmann in Lichterfelde u. bei m. Onkel. Heute begleitete mich der Registrator zu Stumpf, den ich wieder nicht traf. Ich muß am Nachm. noch einmal hin. Morgen kommen die abschließenden Verhandlungen im Ministerium, abends Sitzung im Zentralinstitut. Dienstag ganz früh Abreise nach Leipzig, wo ich sogleich das Semester und die Fröbeltagung beginnen muß.
Gesamteindruck: Berlin ist kein Glück, sondern eine Pflicht. Keine "Professur", sondern ein politischer Posten. (Tatsächlich erhalte ich 3000 M aus dem Hilfsarbeiterfonds des Ministeriums.) Von Möglichkeit der Arbeit und des Denkens keine Rede. Aber es muß
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| sein. Denn in Leipzig entwickeln sich die gleichen Ärgernisse, und bei der dortigen Regierung bin ich ohne Einfluß. In Preußen aber habe ich schon heut einen entscheidenden Einfluß, und ich muß sehen, wie ich das Schiff steure. 4-5 Jahre wird man die Sache ja wohl aushalten. Dann bleibt mir die Pension von 13300 M für das Opfer, und vielleicht auf 2-3 Jahre noch ein wenig Philosophie.
Die Gesamteindrücke in der Stadt sind furchtbar. Totaler Verfall, das Bild einer niedergehenden Zeit. Lärmender Luxus, verlauste Gestalten in Horden, an jeder Ecke ein bettelnder Kriegsinvalide. Preise von abenteuerlicher Höhe selbst für einen aus Oberbayern Kommenden. Mein altes, armes Berlin! - Nieschling u. Herre werden wohl auch dauernd herkommen.
Ich hoffe, wenn ich morgen keine Nachrichten von Dir erhalte, am Dienstag zu erfahren, wie lange ich noch an die liebgewordene Adresse Augustastr. 4 schreiben kann. Dann aber hoffe ich für Dich ein neues Aufleben in Heidelberg und ein paar gesammeltere Worte zwischen uns, als sie dieser Brief enthalten konnte. Mit vielen innigen Grüßen Dein gehetzter Eduard.