Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 8. Oktober 1919 (Leipzig)


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Leipzig, den 8. Oktober 1919.
Liebste Freundin!
Diese Zeilen sende ich nach Heidelberg, obwohl ich fürchten muß, daß Du inzwischen wieder nach Cassel abgereist bist. Ich war erstaunt, daß die Räumung der Wohnungnoch nicht gleich zum 1. Oktober ganz erfolgte. Auf diese Weise wird es lange dauern, bis Du zur Ruhe kommst, und ich kann mir denken, daß die Unkosten ungefähr den Ertrag der Erbschaft erreichen werden. Auch darüber war ich erstaunt, daß die Tante Dir nur den Nießbrauch ihres Vermögens zugewandt hat. Wer bekommt denn das Kapital?
Der dünne Faden unsrer Korrespondenz ist trotz aller Arbeit von Dir fleißiger gesponnen worden als von mir. Ich erhielt 2 Briefe aus Heidelberg, und finde nun endlich heut Abend spät die Freiheit, Dir weiter zu berichten.
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| Ich nehme an, daß Du meinen Brief vom 28. inzwischen nachgesandt erhalten hast. Darin habe ich Dir die Berliner Eindrücke bis zum Sonntag geschildert. Am Nachm. war ich bei den Geschwistern Thümmel, um Dora zu sehen, ehe sie im Winter nach Partenkirchen geht, dann zum 3. Male und endlich mit Erfolg bei Stumpf, abends bei Riehls. - Am Montag früh zeigte mir Riehl das Philos. Seminar und die 50 Bücher, die unter dem Namen Pädagogische Abteilung gehen. In der Universität suchten wir angeblich Räume für das unter mir zu verselbstständigende Pädag. Seminar. Auf dem Ministerium besuchte ich Troeltsch, der mir einen wenig erfreulichen Eindruck machte, sah Becker und beriet mit dem Personalreferenten, wie ich die 5000 M Grundstock für das Seminar erlisten sollte. Mein schriftlicher Antrag ist noch nicht beantwortet. Nachm. war noch eine Sitzung im Zentralinstitut unter Schmidt, die besser verlief als
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| die früheren. William Stern machte mir keinen guten Eindruck bei dieser Gelegenheit; umso mehr Carl Götze aus Hamburg.
Dienstag stand ich um ½ 6 auf und kam gerade auf den Bahnhof um 7.10, als der direkte Schnellzug mir vor der Nase wegfuhr. Ich fuhr gut um 8. nach Halle, aß dort Mittag, hatte erst um 1.45 Anschluß, der aber 1 ½ Stunden Verspätung hatte. Mit einer Droschke kam ich um ½ 5 ins Seminar, wo schon 60 Leute seit 4 Uhr geduldig auf mich harrten. Die Fröbeldamen saßen im Hinterzimmer; doch schwänzte ich sie an diesem Tage. Von Mittwoch bis Sonntag habe ich ihnen fast m. ganze Zeit widmen müssen. Mittwoch war Lehrplanberatung, Donnerstag Vorstandssitzung in m. Seminar, daneben begann ich Donnerstag u. Freitag m. Vorlesung. Gleich um 9 mußte ich dann immer zu den Sitzungen. Am Freitag begann der öffentl. Kongreß in der Aula unter Vorsitz von Frl. Klostermann, die mir, wie die Mehrzahl der
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| Damen, einen ausgezeichneten Eindruck machte. Ich begrüßte die Gäste im Namen des Rektors wirkungsvoll. Um 4 Uhr begann ich m. Abendvortrag über "die Erziehung der Frau zur Erzieherin" auszuarbeiten. Um 8 Uhr hielt ich ihn in der bis zur obersten Empore voll besetzten Aula. Es war eine meiner besten Reden, zumal ich mich noch frisch fühlte und den seltenen Genuß hatte, nicht mit dem Aufgebot letzter Kräfte zu sprechen. Frl. Wezel, Pelargus, Burgheim, Speckenbach, Kiehm waren anwesend. Ebenso die Gegenseite: H f. F. Der Eindruck war tief. Am nächsten Tag erhielt ich von unbekannter Seite ein schlechtes Gedicht und eine lange theosophische Abhandlung, die die Seele der Adelheid Hofmann (v. Winterfeld) per Du an meine Seele gerichtet hatte u. die ich bisher unbeantwortet gelassen habe. Sonnabend 9 Uhr Sprechstunde, 11 Uhr Fortsetzung des Kongresses in der H. f. F. Um 12 mußte ich fort, da mich eine Dame sprechen wollte, die mit dem Plan eines Fröbelromans umgeht. Um ½ 4 werde ich von Frl. Kiehm dringend geholt, da in m. Abwesenheit
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| Krawall entstanden war. Ich setzte mich also wieder 2 Stunden an den Vorstandstisch, bis ich um 6 in die Fakultätssitzung mußte. Dort richtete ich ein paar dankbare Erklärungsworte an die Fakultät, fiel aber samt Seeliger mit m. Bemühungen, für Herre anstelle s. Rufes ins Ausw. Amt ein Extraordinariat zu wirken, durch.
Sonntag früh waren noch 2 Vorträge, gemeinsames Essen, dann Vorstandssitzung, dann Kaffee mit Frl. Wezel; spät abends schrieb ich noch die Hälfte m. Vortrages (8 Folioseiten) auf, da er durchaus gedruckt werden soll. Montag erledigte ich Semestergeschäfte. Abends begann ich vor stark besetztem Hause das Platokolleg. 10 Minuten vorher lief mir - Friedmann in den Weg u. versetzte mich in starke Bewegung. Unverändert im Aussehen. Welche 5 Jahre dazwischen! Sogleich danach kamen 2 Leute, die mich für anderes okkupierten. Dienstag 8-9 Kolleg, 9-12 Examen ohne Pause, 12 - ½ 2 Sprechstunde, ½ 2 - 2 mit Petersen - Hamburg Mittag gegessen. Nun erst komme ich in eine eigentliche Semesterarbeit.
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| Heute vormittag Examen. Bei dieser Gelegenheit will ich erwähnen, daß wir einen neuen Kultusminister haben, Seminardirektor Seyfert, denselben, der mich für die Friedensdelegation vorschlug und der nun auch m. Rat wünscht. Wenigstens schrieb er so 1 Stunde nach Empfang m. Glückwunsches. Heute Nachm. ordnete ich im Senat die Angelegenheit der Volkshochschulkurse, die durch 5 Artikel in der Volkszeitung kritisch geworden war. Aber alle sind ratlos, wer die Sache fortführen soll. Ich bin jetzt der getreue Eckart der Universität.
Freitag beginne ich die Übungen. Sonnabend Nachm. treffe ich mich mit Frischeisen-Köhler u. Muthesius in Naumburg zur Beratung der Päd. Akademie, deren fertiger Plan aber heute schon telegraphisch von mir aus Berlin verlangt wurde.
Du siehst, es bedarf der größten Selbstdisziplin, um bei dieser bunten Speisekarte immer das Nötige zur
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| rechten Zeit vorzubereiten. Nächste Woche soll ich, neben dem regelmäßigen Dienst - 6 Stunden Fortbildungskurse für Lehrer halten. Dissertationen liegen jetzt 4 da. Korrespondenz aus allen Teilen Deutschlands enorm.
Mit meinem Herzen aber bin ich nicht hier. Ich bin bei den Gedanken, die ich in Partenkirchen fand, die tief in meine Seele gegriffen und mir ein unendliches Glücksgefühl gegeben haben.
Frau Direktor fand es richtig, mich monatlich um 50 M zu steigern. Dafür soll sie keinen weiteren Mieter aufnehmen. Bequem u. angenehm für sie, zumal ich das meiste extra bezahlen muß und wir vom 15. an voraussichtlich kein Mädchen haben werden.
Damit hätte ich wohl das Wichtigste erzählt. Nächste Woche erwarte keinen Brief von mir. Sie wird die schlimmste sein. Dann wird es erst hoffentlich etwas ruhiger werden, so daß ich auch mal wieder ein Buch lesen kann.
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Also für heut eine gute Nacht. Hoffentlich bist Du vor der kalten Jahreszeit daheim und hast dann auch Kohlen. Grüße den Vorstand herzlich. Spartakisten gibt es hier so viel wie in Friedrichshafen. Es scheint, daß wieder etwas erwartet ist. Die Universität sitzt im Stacheldraht.
In immer treuem, herzlichen Gedenken grüßt Dich
Dein
Eduard.