Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 19. Oktober 1919 (Leipzig)


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Leipzig, den 19. Oktober 1919.
Liebste Freundin!
Gestern sagte mir mein Vater in Berlin, beinahe zufällig, er habe in der Zeitung den Tod Deiner Schwester gelesen. Du kannst Dir denken, wie bestürzt ich war; denn es war mir ganz rätselhaft, daß ich keine Nachricht darüber von Dir erhalten hatte. Nun finde ich eben bei meiner Rückkehr Deinen Brief.
Wenn der schmerzliche Fall auch lange vorausgesehen war, wenn man ihn auch fast als eine Erlösung erflehen mußte, so fühle ich doch, daß Du nun erst die neue Lücke im Kreise Deiner Lieben innerlich durchkämpfst, und daß die schwersten Stunden noch kommen werden, wenn Du endlich einmal Ruhe findest. Eine Brücke mehr zu den Kindertagen und der glücklichen Vergangenheit ist abgebrochen, ein Schatten mehr fällt auf Gegenwart und Zukunft.
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| Ich denke der Entschlafenen, wie ich sie als blühendes junges Mädchen mit der Tante vor 15 Jahren zum ersten Mal sah, wie sie in meinen Fortbildungskursus 1910 kam und wie ich sie dann - schon als Leidende - etwa 1914 in der Keithstraße wiederfand. Ihr Leben wäre eine Kette von Leiden zu nennen, wenn sie nicht das Mutterglück gehabt hätte und dabei selbst ihre liebe Mutter zuletzt hätte in der Nähe haben dürfen.
Aber mehr noch wenden sich meine Gedanken Dir zu, und mit täglich wachsender schwerer Sorge. Ich möchte irgend jemandem zürnen können, daß Dir allein diese unsinnige Last auferlegt wurde, dieses mühselige Verteilen nach allen Seiten, das Deine Kräfte verbraucht und Dich um den letzten Rest eignen Daseins gebracht hat. Ich fühle, daß die Anstrengungen noch nicht das Schlimmste sind. Du befindest Dich in einer Seelen-Verfassung, in der ich Dich nicht wissen mag und nicht lassen kann. Aber ich bin an meinen Dienst gebunden und kann mir aus Deinen spärlichen Nachrichten nicht einmal den
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| äußeren Verlauf der Ereignisse richtig konstruieren. Selbst die Hoffnung des Wiedersehens in 3 Wochen darf ich nicht in mir aufkommen lassen; denn in 3 Wochen ist gerade der Jahrestag der Revolution, und ich bitte Dich dringend, da nicht zu reisen, auch nicht nach Berlin. Es ist überall (auch hier) sehr kritisch und entladet sich bestimmt in absehbarer Zeit. Dann wirst Du am besten in Heidelberg sein, und wir wollen dann gemeinsam Dein inneres Leben wieder aufbauen. "Wieder aufbauen" wird es im eigentlichsten Sinne sein. Aber es muß uns gelingen, aus den Schätzen unsrer gemeinsamen Vergangenheit und aus der Kraft unsrer Gegenwart, die uns nichts rauben kann, wenn wir sie uns nicht rauben lassen. Möge dann die Festigkeit, die ich trotz allem in mir fühle und die freilich nur eine Gewißheit der inneren Geister ist, auch auf Dich nicht ohne Wirkung bleiben!
Auf Deine praktische Frage kann ich Dir leider nicht antworten, da ich auf diesem Gebiet ganz unwissend bin. Ich rate Dir, unabhängig von
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| einander 2 vertrauenswürdige Bankiers zu fragen, bzw. fragen zu lassen. Auch ich werde, sobald es geht, einen unsrer Nationalökonomen interpellieren.
Nur wenige tatsächliche Nachrichten: nach einer anstrengenden Woche, in der ich zu dem laufenden Dienst 6 Stunden Fortbildungskursus einlegen mußte, bin ich gestern früh (für 29 M!) mit Agnes Biermann, die zu Besuch hier war, nach Berlin gefahren, habe m. Vater bei Rademacher besucht und um 5 Uhr, wie ich glaube geschickt, bei einer großen Ausschußsitzung über Lehrerbildung im Zentralinstitut gesprochen. Es war sehr schwer; denn die Berliner Kollegen waren in ihren reaktionärsten Vertretern anwesend, und paßten auf jedes Wort meiner Jungfernrede. Aber auch die radikalen Volksschullehrer paßten scharf auf. Die Verteidigung unserer vor 8 Tagen in Naumburg beschlossenen Thesen überließ ich (sehr richtig) dem Kollegen Frischeisen-Köhler. Heut vorm. war ich noch bei Riehls, die sich ohne rechte Bedienung sehr quälen, und fuhr dann in 5 ½ Stunden (für 20 M) in leerem Zuge hierher. Demnächst beginnen wohl die Beratungen über m. Nachfolge. Die politischen Auspizien für die Universität sind miserabel. Meine Vorlesungen haben großen Erfolg. Von m. Schriften schicke ich Dir, wenn Du Ruhe hast. Für heute aber grüße ich Dich in liebevoller Teilnahme und bitte Dich, nicht nur meiner zu gedenken, sondern vor allem an Dich und Deine Gesundheit u. Deinen Seelenfrieden. <li. Rand> Grüße auch von m. Vater. Ich bleibe wie stets Dein Eduard.
[Kopf] Wenn Du Zeit findest, bitte ich um die Adresse Deiner Mutter.