Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 7. November 1919 (Leipzig)


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Leipzig, den 7. November 1919.
Liebste Freundin!
Gestern habe ich Dir eine Karte nach Cassel geschrieben. Heute erfahre ich zu meinem Erstaunen, daß Du doch in Berlin bist und daß Aussicht auf ein Wiedersehen besteht, das erstere mit einiger Sorge, das zweite mit herrlicher Freude. Es ist mir aber ebenso ein liebes Bedürfnis, Dir meine ganz energische Mißbilligung der Lebensweise auszusprechen, die Du seit 4 Monaten geführt hast. So kann man sich allenfalls für die Pflege eines Menschen ausgeben, nicht aber für tote Sachen. Das ist falsch und kann weder durch die Bewunderung für Deine Leistungsfähigkeit noch durch das Mitleid mit Deinen Anstrengungen geändert werden. Ich hoffe ganz bestimmt, daß diese Sache nun ein Ende hat und daß Du wieder auf diese Erde zurückkehrst, auf der wir doch gemeinsam zu leben haben.
Solange die Sperre dauert, ist keine Aussicht, daß ich nach Berlin komme. Der früheste (und nicht ganz unwahrscheinliche) Termin ist der 22. November.
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| Aber er ist doch unbestimmt, und ohne geschäftlichen Anlaß hätte die Reise wenig Zweck, zumal ich am 6.XII. bestimmt nach Berlin muß. Ich weiß nun nicht, wie lange Du in B. zu bleiben gedenkst. Die früheste Reisemöglichkeit ist Dienstag den 18. für Dich. Am 19. ist Bußtag, also wieder kein Verkehr. Es geht ein Früh-Dzug ca 8.05 von Berlin, der 11.35 in L. ist. Andernfalls im Personenzug 12.55, der mit Umsteigen in Bitterfeld um 6.22 in L. sein soll. Diesen kannst Du aber nur nehmen, wenn es nicht sehr kalt ist. Leider habe ich am Dienstag von 6-9 Dienst und könnte Dich nicht abholen. Ein Dienstmädchen haben wir auch nicht mehr, und eben jetzt, um ½ 11, wird uns das Gas abgedreht. Ich kann also nur noch wenige Worte sagen. Wie Du wohl schon festgestellt hast, ist es mit dem Brief an Deine Frau Mutter bei dem guten Willen geblieben. Ich bitte Dich, meine tiefe Teilnahme in m. Namen auszusprechen.
Wie fandest Du es im Hause Ruge, wie fandest Du die Kinder und die Deinen sonst? Es ist Deine dringende Pflicht, dort nicht gleich wieder Hausobliegenheiten zu übernehmen, sondern Deiner Erholung u. menschlichen Wiederherstellung zu leben. Mit diesem sehr wohl gemeinten Gutenachtgruß
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| mache ich Schluß. Denn ich muß morgen um 9 schon examinieren und will den Brief gleich vorher in den Kasten stecken. Traurige Zeiten.
Viel herzliche Grüße an Dich und die Deinen
Dein
Eduard.

Riehls Viktoria-Luiseplatz 12.
Frau Marianne Püschel (Götze) läßt grüßen.