Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 10. Dezember 1919 (Leipzig)


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Leipzig, den 10. Dezember 1919.
Liebste Freundin!
Der 11. Brief am heutigen Nachmittag. Aber ich muß Dir doch sagen, daß ich beruhigt bin, nun endlich über Deine Reiseschicksale etwas zu wissen. Hoffentlich bist Du jetzt glücklich zu Hause. Lieb wäre es mir freilich, wenn Du Dich da ganz der Ruhe hingeben könnest. Aber ich danke Dir auch wieder, daß Du für Johanna Wezel sorgst, deren menschlichen Wert ich so ganz besonders hoch ehre.
Meine Berliner Fahrt: Aufstehen ½ 5, Elektrische, Personenzug II. Kl. 5.50. In Bitterfeld Sitzplatz III. Kl. ¾ Stunden Verspätung wegen der Nachtschnellzüge. Um ½ 1 im Ministerium, schnelle Einigung über die Seminarräume mit dem Geheimrat, anschließend um ½ 2 Besichtigung der Dorotheenstr 6. (Vorderhaus der Auditorien von 1910)
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| mit dem Baurat. Dort saß ich 1904 bei Eduard Meyer im Seminar. Flächenraum wohl der Doppelte des Leipziger. Um 2 Essen in der Klause, um ½ 3 zu Haus, 1 Stunde Schlaf, Präparation, um 5 wieder in der Universität.
Illustres Publikum: Minister Schmidt, Unterstaatssekretär Troeltsch, W.G.OR. Reinhardt, Schöppa [über der Zeile v. fr. Hand?] ?, Provinzialschulkollegium, Universität etc. etc. Die Rede, über die dann die Voß vom Sonntag ausführlich berichtete, hatte starken Erfolg, so daß man auf die Diskussion berichtete. Der Bund entschiedener Schulreformer soll sie für banal und quatsch erklärt haben. Nach der Rede Cercle. Troeltsch unangenehm verändert; ärgerte sich, daß er nicht zur Geltung kam. Susanne Conrad, ein Oberkonsistorialrat u. Dr. Hans Heyse erwarteten mich. Abends mit m. Vater, dem es ganz gut geht, in der Klause.
Sonntag um 9 Aufbruch zur Sitzung der Erziehungswiss. Centrale des Deutschen Lehrer-Vereins am Alexanderplatz. Dauerte bis 4. Lebhafte Aussprache als einziger gegen das Universitätsstudium. Anbiederung mit dem neuen radikalen Geheimrat Karstädt. Aber alles in maßvollen Formen. Du müßtest nur mal hören, wie die
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| Leute über Rechtschreibung denken. Da hättest Du ihre ganze Politik. Um 4 als Hering in der Hochbahn zu Riehls. Um 6 kam Heyse dorthin, mit dem ich 1 Stunde ins Lokal ging. Sorge wegen Zwangsvermietung Klösterli. Um 11 zu Haus. Montag um 7 Aufstehen, mit Deinem Zug um 3 in Leipzig, nach Hause, wo, trotz Nachsenden, 15 Postsachen. 7-8 Plato. Nachher Vorbereitung u. Kundgebung gegen radikale Reformen für Sonnt ausgearbeitet. Minister dankt für dein Heften in freundlicher Form. Gestern 8-1 und 3- ½ 11 ununterbrochen Dienst.
Schrift übt vor Erscheinen starke Wirkung. Götze entzückt, ebenso der Führer der Seminarlehrer. Wann wird sie erscheinen? Vielleicht bekommst Du von Frkft. Korrektur m. Fröbelvortrages; dann bitte bald zurücksenden nach Frkft, Unterweg 4. - Heute Senat und Pädagogenabend (bis ½ 11). Morgen Fakultät (m. Nachfolge: Kersch. Litt, Fischer, im ganzen einig. Gute Auskünfte über Litt von Bonn u. Natorp.) Freitag Seminar, Sonnabend Professorium. Heiligabend mit Krueger verabredet. - Lieber Brief des 10jährigen Gedenkens von Elisabeth Lüpke.
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Packete kann man zu Weihnachten nicht schicken. Nimm mit kleinem Gruß vorlieb. Danke für die Streichhölzer.
In Berlin war Deuchler (Tübingen), angenehm, erzählte von Oesterreich.
Danke für die kunstgeschichtliche Belehrung post festum. Wie falsch mag erst das übrige sein?
Frau Direktor ist instruiert. Tante Beef geht Freitag. Morgner kommt in den Ferien, wohl auch Schröbler.
Man will mich anscheinend offiziell im preuß. Minist. beschäftigen u. sprach von meinem großen Einfluß. Ich glaube nicht, daß ich darauf eingehe.
Das ist der Tagesrapport. Grüße den Vorstand und unser liebes Heidelberg. Und gedenke Deines Freundes, von dem man sagen kann, daß er der Sache seine ganze Zeit widmet. Erfolg?? Jedenfalls beginnt Deschld bereits, der Knaben Volksschullehrer überdrüssig zu werden.
Sorge für Deine Gesundheit u. sei innigst gegrüßt von Deinem
Eduard.

Herzliche Grüße auch an Frl. Wezel.