Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 22. Dezember 1919 (Leipzig)


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Leipzig, den 22. Dezember 1919.
Liebste Freundin!
Es ist mir ein lieber Gedanke, Dir wieder nach Heidelberg schreiben zu können. Aber ob ich zum Heiligen Abend noch zurechtkomme? Mit meinen Gedanken bin ich pünktlich da. Und meine kleinen Gedenkzeichen müssen auch schon eingetroffen sein. Du siehst ihnen an, daß Du Dich wegen des angeblich ausbleibenden Weihnachtspacketes nicht zu entschuldigen brauchst: ich habe auch nichts für Dich. Der Pohle ist lehrreich und scharf, das andre hoffentlich auch beides. Von Dir liegt eine eingeschriebene "Mischware" vor mir. Der Titel klingt übel. Aber es wird etwas recht Schönes sein. Laß Dir heut schon danken. Denn mit dem Schreiben in den Festtagen wird es nichts sein (s. u.)
Deine Gefühle unter dem Weihnachtsbaum
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| werden wehmütig sein. Du hast zwei liebe Menschen verloren, und auf welchem Gebiet hätte unser Leben gewonnen? Da möchte ich, daß Du meine unwandelbare Nähe recht stark fühltest und daß der Glanz alter Weihnachtsfeiern in uns beiden nachglühte. Zusammen haben wir es nie gefeiert, und doch meine ich: immer zusammen.
Auch Deinen Eintritt ins neue Jahr laß von trüben Gedanken nicht bedrückt sein. Wir haben wohl das Allerschwerste geschafft. Nun kommt auch mal das Bessere wieder obenauf.
Über meine Lebensgeschichte folgendes: In der letzten Woche 5 Abende erst um ½ 10 zum Essen gekommen, dann Vorbereitung. Liste Kerschensteiner, Litt, Fischer v. d. Fak. angenommen (nur für Dich.) Der Minister wünscht Fischer!! Brandenburg sehr aktiv. Am Sonnabend machte Morgner seinen Doktor. Gestern war ich 2 Stunden mit ihm zusammen. Außerdem habe ich 16 Briefe geschrieben, fast jeden zu 4 Seiten, und 1 der 6 Dissertationen erledigt. Heut bin ich auf Besorgungen gejagt und traf Wundt bei m.
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| Besuch sehr munter. Programm: Heiligabend: Krueger. 1. Feiertag: Morgner. 2. Feiertag: Günthers u. Jugendrichter Hoffmann. 3. Feiertag: Wundt. 28. bis jetzt (?) frei. 29. Schröbler. 30. Vortrag für die Albertinerinnen über Menschenkenntnis. 2.I. nach Berlin zu 2 Zentralinstitutssitzungen am 3.I.  5.I Rückkehr. 8.I. Anfang der Vorlesungen. Ich muß die Dissertationen u. das große Buch v. Spengler lesen. (Übrigens als Geschenk für Reaktionäre empfehle ich Spenglers Preußentum und Sozialismus. (Herz stärkend.)) Verzeih also, wenn ich fürs erste nicht schreibe. Es ist nicht zu schaffen. Und entschuldige mein Schweigen auch bei Frl. Knaps u. Wezel. Sehr, sehr lieb ist Deine Fürsorge für die letztere, die mir Sorge macht. Denn es ist bei ihr Gemüt, nicht Nerven. Sage ihr das, damit sie weiß, auf welcher Seite zu kurieren ist. Übrigens muß sie doch wohl später mehr in die freie Luft, so sehr ich mich freue, Euch zu dreien zusammen zu wissen.
Die Korrekturen sind in Frankfurt bereits erledigt. Die Wirkung der "Lehrerbildung" scheint gut zu sein. Thiele sagt der Sache nach nicht falsch, es sei die Stiftung der Päd. Akademie.
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Liebesgaben schichten sich bei mir. Die Pädagogen haben mir schon eine Abschiedsgabe überreicht: Klinger, an die Schönheit. Hinten steht: Nie werden wir den vergessen, der uns die ewigen Werte einer über Raum und Zeit erhabenen Welt schauen ließ im wechselvollen Lauf der Zeiten, der uns mit meisterhafter Gestaltungskraft zu Erleben und Verstehen führte".
N. Pelargus heiratet im Januar. - Mein Vater hat an einer unangenehmen Stelle eine Geschwulst gehabt und klagt erheblich. Frau Riehl ist erkältet. In Partenkirchen 6 Personen Bedienung und kein Gast.
Das sind die wichtigsten Mitteilungen. An Ludwig habe ich 50 M für mein Patenkind Leonore geschickt. Meine Ausgaben um die Jahreswende betragen gegen 1500 M.
Also 2.-4. incl. Adresse Berlin. Denke an Deine Hauptpflicht: Ausruhen. Grüße herzlich und mit guten Wünschen Frl. Knaps u. Frl. Wezel.
Sei selbst innigst gegrüßt von Deinem
immer in Liebe verbundenen,
sehr überlasteten
Eduard.

Schrieb ich schon vom Professorium? Man war sehr gut zu mir.