Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 6. Januar 1920 (Leipzig)


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Leipzig, den 6. Januar 1920.
Liebste Freundin!
Frau Direktor hat Dein Bäumchen noch in Wasser gesetzt und wieder hereingebracht. Ich habe s. Z. daran herumgeknippet. Es hielt aber auch ohne die Schleifen und sagte mir, was Du mir damit sagen wolltest. Habe Dank für Dein Dasein! - Die "Weihnachtsfeier", die sehr feinsinnig ist, hätte ich Dir gern erklärt. Auch hätte ich Dir Schleiermachers neu gedruckte Briefe an s. Braut schicken mögen. Aber es schien mir richtiger, Dich durch meinen sympathischen Kollegen Pohle (bei dem ich morgen Abend zum Ferienschluß sein werde) in der klarsten Form, die es gibt, über die Gegenwartsfragen belehren zu lassen. Auf meine Weihnachtserlebnisse komme ich heut nicht weiter zurück; denn die Zeit stürmt, und ich habe Wichtiges mitzuteilen. Heut habe ich den ganzen Tag gearbeitet. Es ist hier Feiertag, deshalb konnte ich noch keinen Kalender kaufen.
Hermanns Versetzung nach Hinterpommern - ich glaube es war Stolp, wo Fichte feststellen mußte, daß seine <korrigiertes Wort: unleserlich> ein Ende habe - ist hoffentlich nicht für die
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| Dauer. Natürlich werde ich, wenn ich irgend Einfluß habe, ihn von dort fortholen. Aber die Päd. Akademie wird wohl an den finanziellen Realitäten scheitern, die die Volksschullehrer nicht sehen und ahnen.
Die Wohnungsfrage ist noch ganz ungelöst. Ich danke Dir von Herzen, daß Du mir schon jetzt Deine Hilfsbereitschaft erklärst. Aber wenn ich es irgend vermeiden kann, werde ich Dich nicht wieder in eine solche Packerei hineinziehen; Du hast genug damit zu schaffen gehabt. Freilich kann es auch anders kommen. Am 5.IV. beginnt nämlich die Reichsschulkonferenz - also ziemlich in meiner Umzugzeit.
Mein Anstandsbesuch bei Becker führte zu sehr nichtigen Auseinandersetzungen, von denen ich Dir berichten muß.
Die kl. Schrift, die noch garnicht ausgegeben ist, erregt ein fabelhaftes Ansehen. Man kann nicht an ihr vorbei, das trat schon bei den Beratungen am Sonnabend zutage, die ganz unter ihrem Einfluß standen, obwohl einige Teilnehmer sie leider noch nicht hatten. Die Kommission bestand aus Exc. Schmidt, G. OR. Pallat, Magnif. Brandi (Göttingen), Muthesius, Götze, Frischeisen-Köhler (Halle), Baege (Unterstaatssekretär a.D. U.S.P.), Gymnasialdirektor Goldbeck, Stadtschulrat Buchenau und 2 (nichts sagenden) Damen. Eigentlich stehe ich mit allen ganz gut. - Die Formulierung der Denkschrift wurde sehr zu m. Ärger wieder mir aufgehalst.
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| Voraussichtlich aber werde ich von den Lehrern sehr pöbelhaft angegriffen werden. Und dazu kommt ein fataler Umstand: die von der Universität Herkommenden sehen in der Schrift eine Geringwertung der Leistungen der Universität. Sie verstehen eben weder die isolierende Methode noch die Tatsache, daß ich hier übhpt nicht von der Un. reden will. Mir wurde schon angedeutet, daß mir Becker gerade in diesem Sinne nach L. geschrieben habe. Becker will bekanntlich die Universität mehr ins praktische Leben hinausführen. Sein Reformprogramm geht auf Einverleibung der Technik in die Universität. Und Bildungsaufgaben will er ihr natürlich auch stärker zuweisen.
In dem (übrigens sehr freundschaftlichen) Gespräch kam mir dies erst klar zum Bewußtsein, und ich sah plötzlich eine große Gefahr. Da habe ich ihm nun zum ersten Mal eine energische Standrede gehalten, die anscheinend stark auf ihn gewirkt hat. Zweierlei habe ich ihm mit erhobener Stimme gesagt: 1) Wenn Sie glauben, das Problem der Volksschule u. der Volksschullehrerbildung als einen Anhang zur Universitätsreform mit abmachen zu können, dann unterschätzen Sie die Bedeutung und die Eigenart des Gebietes. 2) Ich habe in die verfahrene Bewegung eine neue Devise hineingeworfen. Sie haben in den 2 nächsten Monaten die Möglichkeit, die Bewegung umzustellen. Wenn Sie davon keinen Gebrauch machen, so kommt sie nie wieder, die Folge wird sein: Verfall der Universität
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| und der Volksschule. Die gleichen Gedanken habe ich ihm heut noch einmal in einem 8 Seiten langen Brief auseinandergesetzt. Darin habe ich zugleich angedeutet, daß ich im Fall der Einrichtung einer Päd. Fakultät mein akademisches Amt niederlegen würde. - Er erzählte mir ganz offen, der radikale Geheimrat Karstädt, in dieser Sache mein Hauptgegner, habe ihn schon zu einem offenen Brief gegen mich bewegen wollen.
Du siehst also: der Kampf fängt an. Ich bin nicht sehr optimistisch. Die Oberlehrer und die deutschen Seminarlehrer habe ich auf meiner Seite; die Universitäten leider nur zum Teil. Den sächs. Minister soll ich bereits umgestimmt haben. Du kannst Dir denken, wie angenehm die Schulkonferenz (400 Teilnehmer) für mich werden wird! Die abscheuliche Tendenz, die höhere Bildung zu vernichten, wird immer deutlicher. Und die Universitäten schlummern weiter.
Ich habe Dir dies geschrieben, damit Du im Zhhg bist und Dich nicht wunderst, wenn der Name E. S. 1920 wie niemals früher durch den Schmutz gezogen wird. Man muß lernen, dies als ehrenvoll zu empfinden. Kerschensteiner schreibt auch ganz verzweifelt über Schulfragen. Er ahnt noch nichts. Ob es werden wird? Seyfert soll Fischer haben wollen! Ich habe Becker angestachelt, ihn zu bearbeiten, auch Troeltsch habe ich, wenn schon ohne Erfolg, aufgerufen. Sichtlich steht er auf meiner Seite.
Ist Frl. Wezel noch bei Euch? Dann grüße ich Euch alle drei; besonders aber Dich in innigem Gedenken
Dein Eduard.