Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 24. Januar 1920 (Leipzig)


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Leipzig, den 24. Januar 1920.
Liebste Freundin!
Die Ankunft Deiner reichen Sendung wird Dir Frau Direktor schon gemeldet haben. Ich habe schon so lange den dringenden Wunsch, Dir zu schreiben. Aber die Unruhe war wieder groß, und manchmal das Befinden nicht auf der Höhe. Laß mich aber mit einem herzlichen Dank beginnen, ehe ich das andre berühre. Jede Einzelheit war mir eine wirkliche Freude. Die Süßigkeiten sind ganz extra fein, besonders die weißen Regenwürmer. Der Kalender ist gut befestigt. Die Kartons - so feste gibt es heut garnicht mehr - natürlich sehr willlkommen, und daß sie von Deinem lieben Vater stammen, gibt ihnen für mich einen doppelten Wert. Die Lichte hebe ich für den nächsten Generalstreik auf, der ja doch noch kommt. Jetzt habe ich noch von den vorjährigen. Die Kravatte will nicht recht; der
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| Stoff eignet sich nicht zum Binden. Die alten Handschuhe sind von innen zu schmutzig. - Das Preußenmotto auf dem Kalender nehme ich als Leitspruch für das neue Jahr.
Zu dem geschäftlichen Teil möchte ich gleich sagen, daß es mir am liebsten wäre, wenn Du mir Zahlstelle und Betrag genau angäbest. Ich ließe dann die Summe von meinem Konto hier überweisen, das sich schlecht verzinst und zu hoch ist. Ich möchte die Verteilung meiner paar Mark auf verschiedene Städte beibehalten und die Sparkasse in H. nicht zu schwach werden lassen. Ist es Dir so recht?
Schon lange wollte ich Dir sagen, daß ich in Deinem lieben Brief vom 2./3. Januar zum ersten Mal seit Jahren ganz Dich wiedergefunden habe, wie man das nur fühlt, nicht aussprechen kann. Es ist so, daß Heidelberg mehr Deine Welt ist; und das "Ausklingen" in dem Vortrag, das war natürlich im Gedanken an Dich gesagt. Ich glaube, Du weißt jetzt, was ich meine. "Vorwürfe" waren das nicht früher, sondern Vorstellungen, ein freundschaftlicher, liebevoll gemeinter
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| Hinweis auf das wahrhaft zu lebende Leben. Du mußt es ja auch für mich zugleich führen. Denn für mich ist diese Möglichkeit wohl auf immer versunken. So brauche ich den reineren Wiederklang aus Deiner Welt, um mich in meiner Welt nicht ganz zu verlieren. "Unser" Heidelberg ist ja bekanntlich kein geographischer Begriff, sondern ein bestimmtes Leben, in der Mitte zwischen glücklicher Romantik und ernstem Wirklichkeitswillen. Aber ohne eine Zuflucht in einer anderen Welt hält man diese heutige Welt nicht aus. Es ist Deine Lebensbestimmung, mir durch Dein Wurzeln und Leben in "unsrer" Heidelberger Welt Kraft zu geben, selbst dann, wenn ich Dir das nicht so wie einst zurückgeben kann. Denn mein Dasein nimmt jetzt eine Wendung, die wie nie zuvor gegen meinen Willen ist: es wird ein Kampf, und vielleicht ein hoffnungsloser. Oft, wenn ich sehr müde bin, flehe ich innerlich, daß dieser Kelch an mir vorübergehen möge. Aber auch im Kriege haben viele auf einem verlorenen Posten ausgehalten. Jetzt kommt meine Zeit. Die Opposition gegen meine Schrift
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| sammelt ihre Kräfte. Kühnel soll schon mit einer Gegenschrift beschäftigt sein, ebenso der Unterstaatssekretär Baege. Auf meiner Seite steht bis jetzt niemand so, daß ich auf einen Erfolg in meinem Sinne hoffen könnte; d. h. fast niemand stimmt mir zu um der Volksschule willen.
Kerschensteiner äußerte sich nur kurz und matt. Es scheint, daß er so weit nicht einmal gehen wollte. Übrigens ist man in Dresden hocherfreut über den Vorschlag, hat ihn aber noch nicht berufen. Troeltsch, der einflußreichste, schweigt "kläglich."
Zu alledem bin ich nun vom Unterstaatssekretär Troel Schulz (Reichsamt des Innern, sozialdem. Lehrer) als Referent über das Lehrerbildungswesen [über der zeile] für Reichsschulkonferenz 5.IV ff. u. die Beteiligung der Lehrer an der Schulverwaltung bestellt. Bis zum 31.I soll ich die Thesen, bis zum 24.II. das Referat einreichen. Außerdem habe ich das einleitende Referat für die sächs. Landesschulkonferenz Ende Februar. Dort hat die Lehrerbildungssache Prof. Günther von hier, ein vornehmer, angenehmer Mensch, mit dem ich noch heut 3 Stunden konferieren muß. Wir harmonieren im Grunde. Übrigens werde ich diesen oder nächsten Montag mit dem Rektor u. einigen
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| Kollegen nach Dresden zum Minister fahren müssen.
Die feinere Intelligenz ist auf meiner Seite, also eine entschiedene Minorität. Der Ansturm auf die Universität ist wie der unabhängige Sozialismus in der Politik: eine gewaltige Welle, gegen die die Vernunft nichts nützt.
Die Universität war in der vorigen Woche 4 Tage geschlossen u. von den Zeitfreiwilligen besetzt. Es ist nichts vorgekommen. Nun müssen all die Vorlesungen nachgeholt werden. Die nächste Woche ist der Schluß meiner regulären Leipziger Tätigkeit. Das Zwischensemester (mit 3 Stunden pro Woche) ist nur ein Nachtrag. Am Mittwoch gebe ich für 10 Seminarmitglieder in der Bavaria ein kleines Essen.
In der Berliner Wohnungsfrage hat sich einiges gerührt. Durch Frl. Wezel erhielt ich Vermittlung zu einer Jüdin, die nahe Kurfürstendamm 2 Zimmer Ap. für eine Monatsmiete von 300 M (excl. Heizung) abgeben wollte. Dafür habe ich gedankt. Nun hat Frau Prof. Salomon von ihrer Schwester die Bereitschaftserklärung, mir am Kurfürstendamm (nahe Keithstr.) ein Zimmer
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| abzugeben. Die Lage ist verführerisch. Aber was mache ich mit 1. Zimmer? Darüber soll mündliche Aussprache erst noch folgen.
Von Frl. Wezel habe ich jetzt erst gehört, daß sie lange Zeit Temperaturerhöhung hatte. Das kommt doch nicht von den Nerven!? Voraussichtlich bleibt sie ganz in Glauchau, bis sie sich erholt hat.
Hier besuchte mich neulich Dr. Stadtler, ein von Bartram verehrter Politiker, Liga zum Schutz der Deutschen Kultur, Herausgeber des Gewissens. Ich hatte einen guten Eindruck. Außerdem bekomme ich langsam Fühlung mit der Jugendbewegung, die nach m. Eindruck ganz ohne Führung ist. Trotz allem ist mein Optimismus eher gesunken als gewachsen. Ich sehe Weltverwicklungen. Vielleicht ist, nach einem Bürgerkrieg, das Ende, daß wir mit Frankreich und England gemeinsam gegen den Bolschewismus marschieren. Vorher gehen wir natürlich wirtschaftlich und finanziell ganz kaput. Erzberger ist unser Totengräber. Kann man glauben, daß schulpolitische Parallelbewegungen zu einer solchen Epoche gesund
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| sind??
Bartram ist in Berlin und hat bei Riehls keinen schlechten Eindruck gemacht. Adelheid war recht schwer krank (medizin. Vergiftung.) Hans Heyses Vater ist gestorben. Von Ludwig habe ich auf mein Paten- und Weihnachtsgeschenk von 50 M keine Empfangsbestätigung. Frau Paulsen fragt sehr angelegentlich nach Dir und ebenso Frau Rohn, wo ich Sonntag zum Kaffee war.
Vor 8 Tagen hatte ich den ersten leichten Sentimentalitätsanfall über m. Fortgang von hier. Aber nicht etwa "Reue."
Über den großen und den kleinen Spengler habe ich im V. d. St. einen Vortrag gehalten, über den kleinen werde ich wohl noch im Dresdner Anzeiger schreiben. Was er "Sozialismus" nennt, ist ja unerhört. Die ganze Begründung ist schief; aber im Resultat steckt doch wohl einige Wahrheit.
Oben habe ich noch vergessen, Dir zu sagen, daß Becker auf m. großen Brief mit beruhigenden Versprechungen geantwortet hat. Ob er fest sein wird, ist eine andere Sache.
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Neulich wurde Frau Direktor, die noch immer alle Arbeit allein macht, beim Abendessen ohnmächtig. Im Nebenzimmer, noch dazu im Dunkeln, fiel sie mir, während ich sie führte, hin. Ich war sehr erschrocken und ziemlich ratlos. Sie selbst behauptet, das alle Jahr einmal zu haben, und war am nächsten Tage wieder gesund.
Hier war wunderbar warmes Wetter, und auch heut strahlt die Sonne. In Charl. ist Kohlennot, teuerster Holzankauf - überhaupt - die Ausgaben!!
Nun habe ich wohl alles berührt. Steh mir in meinen Nöten ein wenig bei. Ich bin nicht gewöhnt, durch eine gehässige Literatur gezerrt zu werden. Die Universitäten u. besonders die techn. Hochschulen nehmen eine geteilte Haltung ein. Hoffentlich bleiben Berlin u. Leipzig fest. Meine Fakultät, der ich (oder vielmehr der Dozentenversammlung) am Dienstag einen orientierenden Vortrag hielt, steht fest hinter mir. Brandenburg schlägt leider mit Keulen drein, was falsch ist. - Mögest Du Deine innere Ruhe und Heiterkeit trotz allem Äußeren ganz wiederfinden. Grüße mir Frl. Knaps und sei selbst sehr innig gegrüßt von Deinem dankbaren
Eduard

[li. Rand] In Cassel Brede †. Großer Raub beim Juwelier Rosenthal. Scheidemann Oberbürgerm!