Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 4. Februar 1920 (Leipzig)


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Leipzig den 4.II.20.
Liebste Freundin!
Dein Brief ist schon da. Aber mach Dir keine Sorgen: es geht wieder einigermaßen. Krank geworden bin ich (heut vor 8 Tagen) am Ekel, nämlich am Ekel über die gemeine Art, wie die LLZ die "Gedanken über Lehrerbildung" entstellend herabzog und die (mir immer noch unbekannte) Kühnelsche Gegenschrift lobte. Ich fand einfach die Kraft des Widerstandes nicht mehr. Fieber hatte ich schon seit Sonntag. Ich habe dann noch das Essen (11 Personen) in der Bavaria gegeben, u. am Donnerstag früh streikte ich. Donnerstag u. Freitag hatte ich abds 38,4. Sonnabend war schon fieberfrei. Aber noch heut ist mir ganz miserabel schwach zu Mute. Hauptbeweis: keine Neigung zum Rauchen.
In den 2 Tagen entwickelte sich bei mir ein Blumenwald. Auch andere Liebesgaben. Eine Flut von Besuchen, sehr zum Schmerz der Frau Direktor, die
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| sich sonst wie immer sehr bewährt hat. Frl. Kiehm kam jeden Tag. Auch der Rektor war da. Montag konnte ich nun nicht mit nach Dresden. Und das Referat für die Reichsschulkonferenz habe ich auch zurückgegeben. Ich mag mit der Volksschullehrerschaft nichts mehr zu tun haben. Hingegen habe ich Ed. Meyer, den Rektor v. Berlin, mobil gemacht. Der Feldzug scheint mir heut schon verloren.
Ich war auch froh, den Semesterschlußworten aus dem Wege zu gehen. Optimistisches hätte ich nicht sagen können. Man soll ja bekanntlich die Züge seiner Taten so im Gedächtnis behalten, wie sie in ihren besseren Tagen aussahen. Es sind jetzt meine schlechtesten Tage. Ich habe ganz die Hoffnung verloren.
Deine Nähe wäre mir natürlich das Liebste gewesen und noch sehr lieb. Aber es geht nicht. Es wäre zu teuer, und Du mußt in Deiner zusammenhängenden Erholung bleiben.
Allerhand Entschlüsse liegen vor mir, zu denen ich die Kraft nicht finde. Also folgende Wahl:
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1) Lietzenburger, Ecke Uhlandstr. 6 Zimmer Ap. 4200 M. Ich soll aber die Möbel mit kaufen. Kosten noch nicht mitgeteilt. - Dies wäre für einen gemeins. Haushalt. Denn Paula geht zum 1.IV.
2) Kurfürstendamm 262, II. Nordseite! Ein Zimmer vorn u. ein kl. Schlafzimmer hinten bei der Schwägerin v. Prof. Salomon. Also jüdisch. Preis nicht angegeben. Frau Rohn vermittelt.
3) Lichterfelde, Wohnung m. Onkels, steht zur Verfügung.
Am liebsten wäre mir die definitive Lösung mit einer eigenen 6 Zimmerwohnung für 3600 M. Aber aussichtslos.
Ich habe s. Z. vergessen, Dir zu sagen, daß mich am 7.I. Lili Scheibe telephonisch anrief. Ich habe sie dann bei ihrer Schwester besucht. Sie sah sehr leidend aus, ohne in ihrem Wesen natürlicher geworden zu sein. Läßt Dich vielmals grüßen, die Grüße von Frau Paulsen hast Du schon erhalten?
Was Du über m. Onkel sagst, trifft ganz sein Wesen: Er konnte nur in Frieden leben.
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Die 1000 M sind nach Cassel abgesandt. Mit dem Packet habe nun noch Geduld. Die Kravatte muß so verbraucht werden. Die Handschuhe sind vernichtet, nachdem ich erkannt habe, daß ich sie 1915 bereits zum Stiefelabwischen benutzt habe.
Die Bilder m. Schüler sind aus dem Seminar u. Auditorium; als Erinnerungen hübsch, als Bilder z. T. mißlungen.
Kerschensteiner ist berufen, soll aber dem Minister persönlich jede Auskunft verweigert haben. Gleichzeitig ist er nämlich ins Reichsamt des Innern berufen.
Verzeih mir, ich kann nicht weiterschreiben. Mit m. Nerven ist es so, daß ich über jedes kleine Hindernis weinen könnte. Vorgestern mußte ich 4, heut 2, morgen 2 examinieren. Zu mehr reicht m. Kraft noch nicht.
Viel innige Grüße u. Dank für alle Hilfe
Dein
Eduard.