Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 13. Februar 1920 (Leipzig)


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Leipzig, den 13. Februar 1920.
Liebste Freundin!
Dein reichhaltiges und schönes Packet vom 3. Februar ist endlich am 11. hier angekommen. Alles ist ganz herrlich, besonders die selbstgebackene, altvertraute Semmel. Aber ich fürchte, daß Du Dich selbst zu sehr beraubst und dann Not leidest. Zumal, da Du noch ein zweites Packet in Aussicht stellst, für das ich Dir im voraus innig danke.
Auch Deine lieben Briefe vom 5. und vom 8. Febr. habe ich, und ich will erst auf das Geschäftliche eingehen. Die Eile mit dem Verkauf des Wertpapiers war unnötig. Ich bin ja nicht Shylock. Man sagt, daß Industrierente etc. zu besitzen, jetzt besser wäre, da das Papiergeld doch gar keinen Wert hat. Nun - ich habe leider nur Kriegsanleihe. Da Du das Geld durchaus los werden willst, so laß es bitte auf mein Konto bei der Bayerischen Vereinsbank, Filiale Partenkirchen, überweisen.
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| Heidelberg scheint mir wegen etwaiger Ausdehnung der Besatzung nicht zweckmäßig. Bei dieser Gelegenheit wollen wir uns gleich verständigen: Nur wenn Du dort bleibst, bist Du Deiner Möbel sicher. Aber vielleicht ist es Dir lieber, in Deutschland zu sein als in den eignen liebgewordenen Wänden. Dann komm zu mir, wo ich auch gerade bin, und wir werden uns schon durchhelfen. Jedenfalls hielte ich es für gut, wenn Du einige Dispositionen für den Fall neuer Verwicklungen schon treffen könntest.
Ein Exemplar Lehrerbildung habe ich nach Cassel dirigiert. Mehr rate ich Dir nicht zu versenden; mindestens nicht, ehe Du nicht folgendes getan hast. Du kaufst Dir für das selbe Geld, was das Ex. "Lehrerbildung" kostet, von Johannes Kühnel, Gedanken über Lehrerbildung, eine Gegenschrift, Leipzig, Julius Klinckhardt (NB. für Deinen Buchhändler: meine Schrift ist bei Qu. u. M. erschienen, nicht bei BGT.) Lies die Schmutzschrift und sage mir Deine Meinung, was ich tun soll. Meine Freunde raten mir, sie
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| nicht zu lesen, ehe ich nicht gesundheitlich wieder auf der Höhe bin. Der Haß der Meute gegen mich ist grenzenlos. Es sollen unglaubliche Verleumdungen, bis nach Dresden, ins Ministerium, im Umlauf sein. Und mit den Leuten muß ich nun auf der Landesschulkonferenz verhandeln. Diese ist übrigens verschoben.
Kerschensteiner ist berufen, hat mir geschrieben, mit mancherlei Bedenken, aber sich noch nicht pro oder contra erklärt. Muthesius wird ihn besuchen, auch um zu beraten, was meine Freunde gegen Kühnel unternehmen sollen.
Ich habe mich, zumal bei meiner noch sehr angegriffenen Gesundheit, in den letzten 14 Tagen in einem Zustande wahrer Verzweiflung befunden. Deine Nähe wäre mir dabei eine Erleichterung und Tröstung gewesen. Aber die realen Schwierigkeiten sind jetzt zu groß. Ich danke Dir, mein Liebes, für Deine Treue und Hilfsbereitschaft. Ich verspreche auch, wenn es zu schwer wird, nicht zu zögern, sondern Dich zu bitten. Schließlich ist ja Deutschlands Schande und meine Verketzerung Produkt des gleichen Geistes. Man weiß nicht, wie man Hoffnung schöpfen soll. - Übrigens habe ich mit Ed. Meyer, Rektor v.
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| Berlin, 4 Briefe gewechselt. Die Fakultät steht fest hinter mir. Ich soll den Ordinarien einen Vortrag über die Frage halten. Exc. Schmidt beruhigt mich freundschaftlich über die Lage. Der Unterstaatss. Schulz besteht darauf, daß ich das Referat doch halte.
Bei mir liegen 1 Habilitation, 5 Dissertationen, 5 Staatsexamensarbeiten - bis jetzt. Und ich bin mit allem in Rückstand. Es geht eben zu langsam jetzt. Hab daher auch Nachsicht, wenn ich nicht so viel schreibe, wie eigentlich zu schreiben wäre. Meist ist es unerfreuliches Zeug u. muß überwunden werden, ohne viel Worte.
In der Wohnungsfrage spitzt es sich nun auf den Kurfürstendamm zu, mit sehr freundlicher Hilfe von Frau Rohn. Auch die Berliner helfen kräftig. Vorläufig mach Dir also darum keine Sorge. (NB. Normalpreis: 2 möbl. Zimmer monatlich 300 M [über der zeile] Kurfürstend. ev. billiger. - hier 3 = 110!!)
Fräulein Knaps meinen innigen Dank für alle gütige Fürsorge für mich. Es ist, mein liebes Kind, die ekligste Sturmzeit, die ich erlebt habe. Wenn ich nur die Knochen eines andren hätte. Der würde dreinschlagen. Aber jetzt bin ich wirklich zu sehr herunter. Aber verpflegt bin ich reichlich. Viel innige Grüße und tausend Dank für <li. Rand> Deine Ruhe, die ich täglich fühle.