Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 19. Februar 1920 (Leipzig)


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Leipzig, den 19. Februar 1920.
Liebste Freundin!
Da ich morgen Mittag nach Berlin fahre und bis Montag Mittag unterwegs sein werde, schreibe ich schon heut zum festlichen 25. Februar. Wie ich mit innigen Wünschen an Dich denke, vermögen Worte nicht auszudrücken. Der tiefe Sinn unsrer Gemeinschaft aber tritt mir an diesem Tage doppelt hell ins Bewußtsein und ich fühle Dich als das gute Prinzip meines Lebens. Die liebevolle Sorge, die mir jetzt wieder so warm aus Deinen Briefen und Sendungen entgegentritt, gibt mir Kraft und Zuversicht, und wenn auch dabei mitschwebt, wie wenig ich Deine aufopfernde Liebe verdiene, so weiß ich doch, daß alles Höchste im Leben "Gnade" ist, und daß in meinem oft verstummenden Herzen die alte treue Liebe schlägt, die seit langen Jahren das Höchste in meinem Dasein ist. Wir leben in einer Zeit, die mehr zu Rückblicken anspornt, als zu frohen
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| Ausblicken, und da tritt der ganze Reichtum unsres Zusammenstehens und Kämpfens mir beglückend vor die Seele.
Ich hätte so herzlich gern diesmal einen originaleren Gedanken für ein Geschenk gehabt, als wieder ein Buch. Aber ich bin so furchtbar unpraktisch. Und im Augenblick brauche ich am dringendsten von Dir Nachsicht. Ich bin noch sehr schwach, habe ungemessene Arbeit, ein Dienstmädchen ist nicht da - so bleibt das Packet mit Deinem Zucker und den sonst gewünschten Sachen vorläufig noch ungepackt, in der Hoffnung auf bessere Tage. Den Worringer kenne ich nicht; man spricht aber so viel von ihm, und da möchte ich, daß Du ihn auch für mich liest und daß wir dann wieder darüber sprechen können wie im Frühjahr in Cassel über Äesthetik, als die liebe Tante noch lebte. Sonst baue ich Dir nichts auf als meine stillen Dankgefühle, und Du wirst am Mittwoch meine Nähe fühlen.
Gestern kam Dein Brief mit den mir sehr wertvollen Zeitungsberichten und heute das 2. Packet mit seinem überreichen Inhalt, an den ich mich bereits herangemacht habe. Unsrer Freundin Aenne Knaps wirst Du auch
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| in meinem Namen danken.
Seit Sonnabend, wo ich eine hübsche Feier der Doktorpromotion von " Christliebe Jeremias", einer Kollegentochter, mitmachte, fühle ich mich weniger gut. Die alten Schmerzen rechts traten nach langer Pause wieder auf, und da gleichzeitig der Husten mit (lose sitzendem) Auswurf noch bestand, war ich natürlich in Unruhe. Es ist aber nicht die leiseste Spur von Fieber festzustellen. Hingegen ein wenig unregelmäßiges Herz; daher wohl die Müdigkeit und Unternehmungsunlust. Die psychische Depression durch Kühnel und Konsorten habe ich aber überwunden u. bin entschlossen, den Kampf durchzuführen. Dazu gehört auch die Rede, die ich am Sonntag vor den Berliner Ordinarien über die Volksschullehrerfrage halten werde.
(½ 11. Ich stecke eins von Deinen Lichten an.) Gleichzeitig will ich in Berlin einige Wohnungen ansehen. Die Schwierigkeiten sehe ich ganz in ihrer Größe. Aber das ist doch wohl nicht richtig, von "Abweisung" Deiner Pläne zu sprechen. Ich war damals zu weitreichenden Entschlüssen absolut unfähig.
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| Auch liegt in meiner Auffassung von unsrem Füreinanderbestimmtsein etwas, das nicht zuläßt, Dich in tausend wirtschaftliche Nöte zu verstricken und unsrem lieben Heidelberg zu entziehen. Du weißt doch, daß es immer noch mein Ideal ist, dorthin zu Dir zu kommen und an die Universität. Vielleicht liegt das näher als wir ahnen.
Geschäftlich: ich halte es nicht für richtig, daß Du Dein Vermögen derselben Bank anvertraust wie ich. Denn dabei können wir beide gleichzeitig alles verlieren. Ich würde an einem Ort, wo du nahe Verwandte hast, also in Cassel, eine Großbank wählen. Eine Sparkasse kann ich Dir nicht angeben. Im Notfalle wähle mein Conto auf der Dresdner Bank in Cassel (denn das hiesige geht nach Berlin.) Den Schlüssel zum Safe sende bitte im Laufe des März hierher.
Eben fand ich die Nachricht vom Familienzuwachs bei Herrmann - fröhlich - schwierig für ihn. Sende mal "einstweilen" für mich Glückwünsche mit.
Sonntag war ich bei Wundt, der Kühnels Schrift angesehen hatte, aber meinte, ich brauchte sie nicht zu lesen. Weißt Du, daß er (sehr ungern) sein Heidelberger
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| Haus verkauft hat?
Die letzten Tage war Johanna Wezel hier; mir immer sehr angenehm. Alle Leute schenken mir Nahrungsmittel. Ich werde bald platzen!
Hier liegen jetzt 6 Dissertationen u. 5 Staatsarbeiten, und das ist noch nicht alles. Dazwischen kommt die Dresdner Schulkonferenz, das übelste Stück meiner Leipziger Wirksamkeit. Ich sehe und höre viel Liebe. Manche haben doch mein tieferes Wollen geahnt. Aber alle denken, sie müßten noch recht viel Zeit von mir haben.
Überall sind die Kämpfe mit den Volksschullehrern entbrannt. Von Württemberg u. Hamburg hört man scharfe Zusammenstöße. Von Berlin aber erhalte ich schon Nachrichten, die Rückzugssignale bedeuten. Wer soll denn die Päd. Akademie bezahlen, wer das Studium so lange aushalten? Der Minister Schmidt hat mich in seiner lieben Weise sehr gefestigt. In Berlin steht doch eine geschlossene Garde hinter mir. Und die Wut gegen mich ist deshalb so groß (wie ich auf gedruckten Zirkularen lese) weil mein Einfluß so groß sein soll.
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| Muthesius war hier und versprach, mit Kerschensteiner über eine Aktion gegen Kühnel zu beraten. Aber von K. selbst auf meine 2 Briefe kein Wort.
Frau Marianne Püschel war 8 Tage hier. Nichts als Landwirtschaft.
Sonst ist nichts Wesentliches zu berichten. Es wird schon Frühling, und damit manches besser. Wenn ich doch im April noch 14 Tage Ferien haben könnte. So kann ich kein neues Amt antreten.
Ich muß Schluß machen, und ich drücke Dir wortlos die Hand. Es kommen auch wieder Tage, die uns gehören. Bis dahin bleib' im Gedenken an die Vergangenheit der Trost meiner Zukunft.
Innigst und treu
Dein
Eduard.