Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 27. Februar 1920 (Leipzig)


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Leipzig, den 27. Februar 1920.
Liebste Freundin!
Soeben bin ich wieder in Leipzig eingetroffen. Hier meine Schicksale. Hinter Bitterfeld bekam ich auf der Hinreise einen seltsamen Zustand mit sehr hohem Puls; taumelig auf den Füßen etc. In Charlottenburg gemessen, genau 37°. Am nächsten Tag blieb ich bis 11 im Bett, besuchte dann Magnificenz, legte mich nachm. wieder hin und verzichtete auf die geplante Wohnungssuche. Mir war die Hauptsache, den Vortrag am Sonntag halten zu können und so viele erlauchte Geister nicht vergeblich zu bemühen. Sonntag früh war mir besser. Ich hielt die Rede vor - 22 Leuten, jedoch mit dem gewünschten Erfolg. Troeltsch war der Verständnisvollste. Um 2 war Schluß. Um 5 war ich bei Riehls, wo abends Bartram und ein sehr interessanter Kapitän erschienen, auch Hans Heyse. Um ½ 12 ging ich heim; von Heyse auf
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| auf dem Wege mit transscendentaler Logik überschüttet. Im Bett bekam ich einen Schüttelfrost. Am nächsten Morgen (37,1) Herr Benary gebeten, der aber selbst Grippe hatte und einen - sehr liebenswürdigen Chirurgen (!) schickte. Diesem sagte ich, daß ich schon seit Tagen Befürchtungen wegen eines Rippenfellrückfalls hatte (Empfindungen rechts.) Er konstatierte etwas Katarrh rechts und empfahl einige Tage Bettruhe. Das habe ich 2 Tage durchgeführt. Die Temperatur blieb immer unter 37°. Am Mittwoch blieb ich noch ganz zu Hause. Am Donnerstag sah ich mir 2 Wohnungen an, fühlte mich mittags u. abends wieder recht elend. Heut bin ich im tollsten Meßtrubel von 11 bis 8 auf Reisen gewesen und habe die Sache gut überstanden. Ich halte das ganze für eine von der Grippe herrührende Unregelmäßigkeit der Herztätigkeit.
Und sonst? Zentnerschwere Sorgen haben sich mir in Berlin zu den alten gehäuft. Bei diesen Preisen ist ja überhaupt keine Einrichtung denkbar, die auf die Dauer durchführbar wäre. Ich habe auch praktisch nichts erreicht. Das einzige ganz positive Resultat ist die experimentelle Bestätigung des zweitweise vergessenen Satzes, daß eine gemeinsame Existenz zwischen m. Vater
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| und mir unmöglich ist. Ich wäre am Ende des 1. Vierteljahres für das Nervensanatorium reif. Die Pestalozzistr. 9a muß also so durchgewurstelt werden, vielleicht bis zum 1.X. Ev. früher zu ändern. Aber Du begreifst, daß es mir unmöglich ist, den alten Mann aus seiner Wohnung zu setzen und mich hinein zu setzen. Das kann erst geschehen im Moment des realsten Zwanges. Paula bleibt vielleicht bis zum 1.V (?) Der allgemeine Zustand der Verwahrlosung ist furchtbar.
Besichtigt habe ich Tiergartenstr 6a (hochvornehm, aber deshalb billig) und Kurfürstendamm 262. Das erste ist noch nicht frei u. eine ganz problematische Aussicht. Das andre ist in vieler Hinsicht schön und geeignet, nur das kl. Schlafzimmer ist finster u. unfreundlich. Verpflegung möchte man an beiden Stellen am liebsten garnicht übernehmen. Wenn ich aber nicht einmal zum Abendessen zu Hause sein soll, dann brauche ich überhaupt keine Wohnung, sondern nur eine Schlafstelle, und am Tage wäre ich auf dem Seminar.
Riehls in ihrer rührenden Fürsorge brachten eine neue Wendung: ich soll zu ihnen ziehen u. 2 Zimmer haben, bis ich etwas gefunden habe. Sehr schön u. verlockend. Aber das heißt eben: 4-6 Wochen ohne Bücher, ohne Sachen, und alles in allem ein doppelter Umzug.
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| Susanne Conrad hat sich in m. Wohnungsfrage rührend bemüht. Jeden Tag wußte sie eine neue Adresse und sah sich die Sache an. Aber das ist nun auch ein Problem für sich. So kann es doch nicht weiter gehen: sie kam vormittags und nachmittags und hatte unbegrenzte Zeit. Für mich ein ganz unmöglicher Zustand: wachsende Dankbarkeit und wachsendes Kopfschütteln.
Berlin ist entsetzlich; ein einziges Schiebernest. Paß auf: in 3-4 Wochen kommt der Krach und die Klärung. Deshalb möchte ich mich garnicht disponieren.
Eine kleine Freude hatte ich doch heut noch vor der Abreise: ein langer Brief von Becker, der Kühnels Schrift gelesen hatte. Die hat nun den lange Schwankenden ganz auf m. Seite gebracht, das zweite Mal, daß ich den Fall erlebe. Er schreibt wirklich besorgt und herzlich und schwört mir Waffenbrüderschaft.
Hier ist Messe. Hoffentlich muß ich nicht während dieser Zeit zur Dresdener Schulkonferenz. Überhaupt: ich muß mich schonen. Glücklich wäre ich, wenn ich zwischen dem 21.III. und 7.IV. ein paar Tage nach Heidelberg könnte. Aber das ist nur so hingeworfen u. wird wohl nichts werden.
Für heut nur diesen faktischen Bericht. Ich habe am 25.II. Deiner besonders gedacht und bin Dir doppelt nah gewesen, weil ich Dich gerade in diesen Tagen so gerne bei mir gehabt hätte.
<li. Rand>
Innige Grüße Dein Eduard.