Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 21. März 1920 (Leipzig, Postkarte)


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21.III.20. Liebste Freundin! Auch diese letzte, schwerste Leipziger Anfechtung wäre gut überstanden. Ich hoffe, daß bei Euch alles ruhig war u. daß es Dir gut geht. Hier waren von Dienstag an Kämpfe, wie sie etwa an den "Tagen der Gefahr" geschildert werden. Darüber mündlich. Am Freitag zog die Brigade 19 ein. Die erste Kanonenkugel sandte sie in die Scharnhorststr., in die Schule 3 Häuser von uns. Überall Barrikaden, nachts Leuchtkugeln. Ununterbrochen Maschinengewehre. Handgranaten, Minenwerfer. Augustusplatz, Johannisplatz Schlachtfelder. Zu Wundt drang ich am Freitag Vorm. nur unter Gefahren vor. Das Volkshaus erobert u. abgebrannt. Villen von Plünderern angezündet. Man staunt, daß die Zahl der Opfer relativ gering ist. - Aber nun das Wichtigste. Ich will nur Nachricht (Depeschen) abwarten, ob es meinem Vater u. Riehls gut geht. Wenn ja, fahre ich Dienstag Nacht über Frkft zu Dir. Beunruhige Dich aber nicht, wenn ich nicht komme (dann Nachricht) oder wenn ich später
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| komme. Da ich nicht viel Gepäck mitnehme, muß m. Aufenthalt ganz inkognito sein. Viele herzliche Grüße an unsre Freundin und Dich selbst
in herzlicher Freude auf ein hoffentlich baldiges Wiedersehen
Dein
Eduard.
Sächs. Prof. a. D.