Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 21. April 1920 (Leipzig)


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Leipzig, den 21. April 1920.
Liebste Freundin!
Es ist der letzte Abend in Leipzig. Meine Stube ist ganz leer, alles ist gut geordnet, ohne jede Hast und Anstrengung, und es ist in mir ein ganz heiliges Gefühl. Garnicht wie Abschied, sondern wie damals, als meine Mutter starb, sagt es in mir: es ist gut so und alles Vergangene ist so rein und klar.
Daß ich diese Stimmung mitgebracht habe, danke ich Dir, mein unendlich Geliebtes. Es ist eine Kraft in mir, was Du mir gabst, und alles wird durch Dich so rein und klar. Wie dankbar bin ich Dir, daß Du auch Johanna Wezel an Dein Herz ziehst. Die Arme leidet; es ist, wie ich immer fühlte, seelisch, und nur die Nähe treuer Menschen kann ihr helfen.
Ich habe Deine drei lieben Briefe mit allen Beilagen. Sie ließen mich auch das Tägliche weiter
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| mit Dir leben. In den mitgesandten Briefen war viel warme Freundschaft (besonders auch von dem lieben, vereinsamten Morgner, dem ich ebenso wie Schröbler eben einige Zeilen schrieb) und wenig Geschäftliches.
Meine Tage sind so verlaufen: Sonntag habe ich erst ausgeschlafen, dann ein paar Bücherkisten gepackt. Montag Nachmittag kam Frl. Kiehm und half. Der Packer war am Dienstag in 3 Stunden fertig, nur die Kleider hat Frl. Kiehm noch mit mir am Nachm. gepackt. Heut Punkt 7 kam der Möbelwagen, um 9 war schon alles fort, und nun sitze ich in den leeren, aber lieben Wänden zum letzten Mal. Vormittag erledigte ich die Bank, den Buchhändler, kaufte für Frau Direktor eine kleine Metallvase für 60 M. Nachm. war ich bei Krüger. Volkelt war leider verreist, seine Frau scheint von der Grippe ein Gemütsleiden behalten zu haben. Zuletzt war ich beim Jugendrichter und habe festgestellt, daß es eigentlich seine Mutter ist, die mich so anzieht.
Ein kleiner Zwischenfall war nur die Berliner Wohnungsfrage. Frl. Guttmann hat tatsächlich nicht geschrieben.
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| Hingegen war sie um Ostern bei Frau Direktor, um meine Eßgewohnheiten zu erkunden. Nach der Schilderung der beiden Damen soll sie dabei sehr entsetzt gewesen sein über das, was ihr bevorstand, und soll bekannt haben, daß sie von den Methoden ihres Mädchens ganz abhängig sei. Frau Direktor faßte ihren Eindruck zusammen in die Worte: "Sie können mir beide leid tun." Nun hatte ich natürlich den Wunsch, daß aus der Sache nichts würde, u. schrieb alles im Eilbrief an Frau Riehl. Die telegraphierte, daß Frl. Guttmann (Kurfürstendamm 262 II.) mich bestimmt erwarte, und in einem nachsetzenden Brief meinte sie, das Ganze aus der Psychologie von Vorgängerin und Nachfolgerin erklären zu können. Jedenfalls ist nicht zweifelhaft, wo ich jetzt wohnen werde. Es bleibt noch die große Sorge mit der Wirtschafterin. Da hat sich tatsächlich noch nichts gezeigt, und ich fange an zu zweifeln, ob es noch wird.
Von Beartram hatte ich einen Brief, auf dem ich ihm in voller Freundschaft u. Offenheit geantwortet habe. und Riehls haben mit ihm gebrochen.
Sehr geht mir der Kummer zu Herzen, den mein Abschied dem guten Frl. Kiehm bereitet.
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| Die Augen stehen ihr immer wieder voll Tränen. Ich habe hier keine treuere Seele gehabt. Was sie mir ist, ist unvergänglich. Aber es ist ja wohl so, daß ihr eben dies tägliche Sehen und Helfen und für mich dasein ein lieber Lebensinhalt war, und das muß ja nun enden und kann so nicht wiederkommen. Es wäre hübsch von Dir, wenn Du ihr ein paar liebe Zeilen schriebest. (Hospitalstr. 25.)
Beim Aufräumen fand ich das Ms. des Aufsatzes, der in Vivos voco abgedruckt ist; ich sende ihn mit. Für Frl. Felicitas Kolde, Meißen, Judenbergstr. sende ich ein paar Zeilen mit.
Ob Du jetzt den Albrecht Ruge hütest? oder Wiener Kinder heimsendest? An allem nehme ich teil und freue mich, daß Du jetzt in Heidelberg [über der Zeile] ein so viel reicheres Leben hast. An das Ethos des Tanzes glaube ich auch, ja selbst an s. Religiosität; aber es gibt auch ein Unethos des Tanzes und eine tanzende Nichtigkeit. "Die Schrift sagt es ist keine Sünde zu }hinken/tanzen" heißt es in den Makamen des Hariri. Ich werde es nicht mehr lernen.
Das mit Hanna Virchow wäre freilich schön gewesen. Vielleicht später? - Nun muß ich für Leipzig schließen. Morgen, Donnerstag um 1.53 reise ich ab. Alle meine Gedanken <li. Rand> werden auch dann bei Dir sein, wie Du bei mir. Grüße unsre liebe Freundin. Viel Herzliches Dein Eduard.