Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 1. Mai 1920 (Berlin)


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Berlin, den 1. Mai 1920.
Liebste Freundin!
Noch immer bin ich ein Kramer und Räumer. Aber morgen wird nun wohl die endgiltige Gestalt hergestellt sein. Ich habe schon 2 Nächte hier und zwar sehr gut geschlafen. Die Sache wird in Gang kommen, obwohl sie nach Götze immer ein Minus behalten wird. Die Einrichtung habe ich, abgesehen von 2 Stunden, in denen Adelheid und Susanne mir auspacken geholfen haben, absolut allein besorgt. Der Erfolg der Arbeit ist Raummangel. Das 4. Regal ist auch ganz voll, und alle Kästen sind dick gestopft.
Der erste Besuch, den ich hatte, war der von m. Vater. Er war da ganz nachgiebig und vernünftig. Aber gestern, als ich Paula meinen Abschiedsbesuch machte, trat der alte Unfehlbarkeitsdünkel wieder hervor. Was Du da sagst (in Deinem lieben Brief vom 27.IV.) ist ja ganz schön, aber eigentlich doch nicht so viel wert. Denn wo bleibe ich im Falle einer solchen Regelung mit den Möbeln und den übrigen Sachen? Riehls empfahlen Vermietung. Nun - dann könnte ich ja selbst dort mieten. Das hieße aber Vertreibung, und dazu bin ich nicht fähig. Zunächst soll also das Balkonzimmer vermietet werden. Darüber besteht Einverständnis. Die Durchführung denke ich mir nicht so einfach, weil eben doch vieles fehlt (Beleuchtung etc.)
Hoffentlich erhalten wir bald das erhöhte Gehalt der Besoldungsreform. Ich weiß nicht, welch törichter Glaube mich im Herbst veranlaßt hat, es dem preuß. Staat so billig zu machen, daß ich mich gegen Leipzig doch verschlechtere. Ich bin in der Tat ein miserabler Geschäftsmann. Freilich habe ich nicht mit der weiteren Erhöhung der Preise gerechnet, und nicht einmal mit den an sich höheren Preisen in Berlin. Hier eine kleine Auslese: ein Fleischgericht: 12 M. Rührei von angeblich 3 Eiern 9 M. 100 Visitenkarten 22,50 M. Kaffee u. 1 Stück Kuchen 4 M. Ein Mittagessen unter 15 M würde zum Tode des Verhungerns führen. Denn im Hause ist alles, natürlich streng in den Grenzen der Markenbelieferung. Ich erbitte Deine
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| Hilfe zunächst für den Nachmittagskaffee, den ich im Hause nicht erhalte und der sonst jeden Tag mein Budget mit 4 M belasten würde. Könntest Du mir eine Kaffeemaschine zum Selbstkochen (mit Hartspiritus?) verschaffen? Ich würde mir dann ev. auch abends deutschen Tee kochen (denn ein Glas Helles kostet 1,50 M, ein Münchner 1,80 M.) Die Maße für die Bezüge schicke ich Dir per Karte. Ich möchte im Augenblick das Bett nicht aus der Ordnung bringen. Daß Du Dich des Hemdenstoffes berauben willst, ist mir eigentlich nicht recht. Denn der sollte doch für Dich sein. Daß ich für 120 M ein Taghemd als Nachthemd gekauft habe, habe ich Dir wohl schon geschrieben.
Vielen Dank für die Sendung an Wust, die eingetroffen ist. Auch meine beiden Vorlesungspackete sind eben angekommen. Eben, während ich schreibe, sind auch die Teppiche gelegt worden - Du glaubst nicht, wie umständlich wir sind. Aber Höflichkeit u. guter Wille sind bei der Dame da. Das "Fräulein" hingegen reißt sich kein Bein aus u. ist in seiner Berliner Klugheit außerdem noch recht beschränkt. Ich betrachte das ganze Verhältnis als ein 4monatiges. Wenn also bei Hanna Virchow etwas Passendes sein sollte, ist es noch nicht zu spät. Am liebsten wäre mir allerdings volle Pension bei einer freundlichen praktischen Dame mit Wohnung nach Süden. Die Hälfte meiner Geisteskraft verbrauche ich hier zum Aufschließen der Wohnung und zum Unterscheiden der 5 Schlüssel.
Montag 12-1 halte ich die erste Sprechstunde. Am Mittwoch 9-11, genau 15 Jahre nach meiner Promotion in der Aula halte ich die ersten Vorlesungen. Wie wird es werden? Man ist hier dem Verfall, der Unmoral doch viel näher, freilich auch den gesunden energischen Kräften.
Daß Du nicht Vicemann bei Ruges spielst, ist doch wohl gut. Aber als Vicegattin bei diesem Raubesen sähe ich Dich noch weniger gern, obwohl Du ja an Ekligkeit so ziemlich von mir gewöhnt bist. Heidelberg ist mir wie ein schöner Traum. Ohne das könnte ich das alles hier nicht leisten. Am 19. Mai Programmende im Zentralinstitut. Und dann ist ja bald Pfingsten, wo ich nach Dresden muß. Für heute Schluß u. innigste Grüße Dein Eduard.
[li. Rand] Hast Du die Bücher schon abgesandt? Bitte um die Hausnummern der Deinen.
[re. Rand] Wer sind eigentlich Schupp u. Heidels?
[Kopf] Das über die Einfühlung ist richtig: nicht bloß Selbstgenuß, sondern Mitgenuß. Anbei 4 Marken.