Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 7./8. Mai 1920 (Berlin)


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Leipzig! Berlin, den 7. Mai 1920.
Liebste Freundin!
Nun sind also alle Vorlesungen in Gang gebracht. Um es mit einem Wort zu schildern: ich komme mir vor wie einer, der ein Warenhaus gehabt hat und wieder mit einem Gemüsekram anfängt. Ich bin verwöhnt mit meinen großen Auditorien. Am Mittwoch war es noch glanzvoll: 150 Leute - worunter doch wohl eine Anzahl Premierennassauer. Ich hatte mich so intensiv vorbereitet, daß ich die Nacht fast garnicht schlief. Ganz kam die Sache nicht heraus; aber Susanne Conrad meint, es hätte doch starken Eindruck gemacht. Am Donnerstag, in der Geschichte der Pädagogik, waren höchstens 80 da. Die machten Augen, als ob sie es nicht für möglich hielten, daß man so Geschichte lesen könnte. Heut waren es sogar ein paar mehr. Endlich habe ich heut meine Übungen begonnen, mit 42 zugelasse
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|nen Teilnehmern. Ich entwickelte das Programm mit Humor, nahm aber zugleich mit fühlbarer Energie die Zügel in die Hand. Es soll ein großes Stöhnen durch die Menge gegangen sein, (die z. B. "Meine Nachforschungen über den Gang der Natur in der Entw. d. Menschengeschlechts" für meine Nachforschungen hielt). Aber ich glaube, der Eindruck war gut. Mein Hauptkummer ist der, daß ich in allen 3 Veranstaltungen ein nicht vollwertiges, bunt zusammengewürfeltes Publikum habe, darunter viele Lehrer im Amt, die der Sache entschieden nicht gewachsen sind. Manche gerade von diesen machen aber einen vorzüglichen Eindruck. So besonders der Assistent von F. J. Schmidt - Halfter -, der sich mir sehr freundlich zur Verfügung gestellt hat.Manche stammen aus Leipzig, vorwiegend Wibervolk.
Gestern war ich auch in der ersten Fakultätssitzung. Na, man lernt immer etwas Neues. Es hätte auch eine Getreidebörse sein können. Einige sitzen, die meisten stehen, der Dekan redet,
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| niemand hört zu, alle plaudern - "schön ist der Betrieb hier nicht", sagte Troeltsch zu mir, der wieder sehr frisch und nett war. Nach 1 Stde war das Ganze aus. Wenn ich da an unsre 4 Stundensitzungen in Leipzig denke, fest und feierlich in die hohen Lehnsessel gebannt, dann muß ich ehrlich erklären: die Berliner Methode ist ein Mißbrauch und muß geändert werden.
Meine häuslichen Verhältnisse sind geregelt. Ich habe eine Tischlampe mit Schlauch, die gut leuchtet, leider zuckt. Das Abendessen ist sehr gut, und das Verhältnis recht freundlich nach beiden Seiten. Nach langem Probieren gehe ich mittags jetzt regelmäßig ins <Wort unleserlich>, Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, wo man ein Menü für 8 M+1,10 Bier ißt, Suppe, Gemüse mit Beilage, Fleisch, Speise oder Kompott. Manchmal war es mir zu viel, doch war ich etwas indisponiert infolge vielen Rauchens und schlechter Lage der Zimmer etc. Gestern u. heut habe ich Dein schönes Backwerk mit Appetit, Gewinn und Dankbarkeit verspeist. Bleibt nur noch
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| die Kaffeefrage zu regeln. Spiritus oder Petroleum wenn ich hätte, und Kochapparat und Kaffee wenn ich hätte - d. h. Kaffeeersatz und 4 Bohnen - wie lange würde dann die Kocherei dauern? Denn Zeit ist immer knapp, da doch die Verbindung von hier zur Universität nicht gerade prima.
Bei den Deinen bin ich noch nicht gewesen. Ich mußte dringende Antrittsbesuche machen und hatte zu passender Besuchszeit bisher nicht frei. Hoffentlich komme ich nächste Woche dazu. Hanna Virchow wird sich für volle Pension wohl bedanken. Das wäre aber für mich, zumal im Winter, ein gesundheitlich sehr wichtiger Faktor. (NB. ihre Wohnung liegt m. W. nach NW.) Denke z. B. einen Tag wie heut: 9-10 Vorlesung. 11-1 zu Hause 1-2 Mittagessen mit 10 Minuten hin und 10 Min. zurück. Um ½ 5 in die Stadt, Konditorei, Bibliothek, Buchhändler, Seminar, Universität, um ½ 9 zu Hause. Von ½ 10-10 Gespräch zwischen Tür und Angel.
Es ist sehr spät; für heute gute Nacht, mein Liebes.

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8. Mai 20.
Eben kommt das große Packet vom 28.IV, mir sehr willkommen, weil ich die Sachen nun eilig brauche. Ich habe Deine lieben Briefe vom 30.IV. und 4. Mai noch einmal gelesen. Ja, Dich hier zu haben, wäre natürlich für mich eine große Erleichterung gewesen und hätte mir vor allem innerlich wohlgetan. Aber, liebes Herz, wir müssen mit den Gnadenzeiten sparsam umgehen. Sollte zum Herbst eine Veränderung eintreten, dann muß ich Dich wohl rufen. NB. ich bin noch garnicht in der Pestalozzistr. gewesen, seit die neue Wirtschafterin da ist. Da ich nichts höre, geht es wohl so. Mit der Sache kann ich mich erst später beschäftigen. Ich habe am 19. im Zentralinstitut zu reden, am 27. in Dresden, am 9. Juni für die Studenten. -
Hier der wirtschaftliche Teil: Bettbezüge Kopfkissen 74x51, Deckbett 160x104 reichlich gemessen. - Es muß doch möglich sein, auf Spiritus Wasser zu kochen - sonst gäbe es ja übhpt kein Selbstkochen? - Das Außenthermometer, von Frl.
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| Kiehm
sorgfältigst verpackt und nachgesandt, ist vollständig zerbrochen hier angekommen. Es war vom Bruder in Heidelberg. Als Ersatz hätte ich gern ein ganz wertloses Ding, das man draußen an einen Nagel hängt. Ich bleibe hier doch nicht lange. Aber m. Wirtin beurteilst Du, wahrscheinlich auf Grund meiner Mitteilungen, zu schlecht. Es ist jetzt doch alles gut in Ordnung, und daß ich neulich über den Gartenzaun klettern mußte, weil der Schlüssel abgebrochen war, daß das Haus abgeputzt wird und ich nicht lüften kann, ist nicht ihre Schuld. - Geheizt haben wir nicht; es war und ist oft recht ungemütlich. Von allen Freunden habe ich noch niemanden gesehen. Nur zu den Unterbeamten der Universität habe ich ein gütliches Verhältnis. Und bei Hintze hatte ich eine schöne Teestunde. - Heute gehe ich erst zu F. J. Schmidt, mit der Pistole wegen des Seminars, dann mit Susanne den Lebensformenweg; morgen um 11 besuchen mich Riehls. Ich muß jetzt schließen, obwohl ich noch lange forterzählen könnte. Habe Dank für alle Liebe und Mühe. Ich bleibe in unablässigem Gedenken Dein Eduard.
Grüße an unsre Freunde
[re. Rand] Das Essen hier ist seinerQualität nach mir viel sympathischer als bei G.s. u wohl auch nahrhaft
[Kopf] Soeben vertiefe ich mich in den ungeahnt reichen Inhalt des Packetes. Tausend Dank besonders für den nahrhaften Teil.