Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 21. Mai 1920 (Berlin W 62/Kurfürstendamm 262)


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W 62, Kurfürstendamm 262
den 21. Mai 1920.
Liebste Freundin!
Leider kommt dieser Pfingstgruß wohl erst nach Pfingsten in Deine Hand, während ich soeben von Dir einen lieben Brief erhalten habe. Du siehst aber aus den Beilagen, daß viel "extra" zu tun war. Die Rede am Mittwoch war ein großer Erfolg und hat gewiß meine Autorität in Berlin sehr begründet, zumal Herr Ebert, Herr Heinrich Schulz (Reichskultusminister quasi), Haenisch und Becker da waren. Schmidt hat mich in rührender Weise begrüßt u. im Schlußwort zart gebeten, daß man gegen mich etwas anständiger polemisieren möge. Anwesend waren außerdem: Riehl, Diels, Ludwig, Thümmels, Hilgenfeld,Knauer (u. Ruthe von dort), viele v. Ministerium etc. Merkwürdig fand ich es, daß ich niemandem vom "Hofe" vorgestellt wurde. Es fehlt eben der Stil, und ich hatte das ganz deutliche Gefühl, daß die Herren uns gegenüber an innerer Unsicherheit leiden, daß sie sich nicht herantrauen. Denn
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| von ihnen machten mir nur aus der Ferne schüchtern Verbeugungen. Ebert aber stand halb auf, als ich anfing: "Herr Präsident, hochansehnliche Versammlung." - Das alles in herrlichen Herrenhaus - o proletarisiertes Deutschland. Haenisch aber ist durch Ischias, wie er schreibt, jetzt verhindert mich zu empfangen.
Die Universitätsdinge sind gut im Geleise. Mit der Mittwochvorlesung mußte ich nun doch in ein größeres Auditorium übersiedeln. Ich habe das Gefühl, daß die Wirkung durchaus gesichert ist, am wenigsten vielleicht in der Gesch. d. Pädagogik, weil das von Griechenland handelt.
Aber, was ich am Tage ausgebe, übersteigt jeden vernünftigen Etat. Nur die Sache in der Pestalozzistr. geht so nicht weiter. Mein Vater ist z. Z. krank, unmotiviertes, aber sehr hohes Fieber. Ich gehe gleich nachher wieder hin. Die neue Wirtschafterin wandelt auf Liebespfaden, wenn ich richtig fühle, und selbstverständlich wird sie ihr Gehalt ergänzen. Mein Vater aber hat garkeine Urteilsfähigkeit für Preise etc. mehr. Er ist überhaupt geistig sehr zurückgegangen: Wenn
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| ich seine jetzt oft unverständlichen Erzählungen richtig verstanden habe, so hat er z. B. von Paula 3 solche Brotkarten (wie Du mir schicktest, herzl. Dank!) das Stück zu 5 M von [über der Zeile] durch Frl. Schelk erworben. Diese Art des Verschleuderns ärgert mich unsäglich. Ich habe mich nun gleich nach dem Altersheim, wo der alte Böhm liegt, erkundigen lassen. Dort kostet die Pension (ohne Wäsche) ca. 12000 M. Es werden auch nur Leidende aufgenommen. Also wäre es doch wohl möglich, eine einfachere Stätte für 8000 M zu finden und 2000 für Taschengeld u. Anschaffungen hinzuzugeben. Denn die Pestalozzistr. steht jetzt auf einem Jahresfuß von 12000 M mindestens. Diese Angelegenheit muß mit Energie in die Hand genommen werden, und ich werde Dich, wenn es nicht anders geht, herzlich bitten, zu diesem Zweck mir im Juni zu Hilfe zu kommen. Vielleicht kann ich den Benary bald sprechen. Allerdings, ich will am Montag früh nach Reinhardtsdorf, falls es m. Vater nicht schlechter geht, und am Freitag via Wundt erst wieder zurückkommen.
Meine Wohnung bewährt sich doch recht gut. Ich bin eingelebt, habe Ruhe u. sehr zusagende Verpflegung,
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| Sonne, Mittag u. Kaffee sind die einzigen unvollkommenen Punkte.
Es gibt hier noch etwas anderes, was mich beschäftigt: Kätchen von Heilbronn. So etwas von rührender Liebe, wie Susanne mir entgegenbringt, kann man sich garnicht vorstellen. Sie würde alles für mich tun, ich muß nur immer abwehren. Ich habe ihr noch einmal dringend vorgestellt, daß doch nie etwas daraus werden könne - schriftlich und mündlich -, daß sie ihr Leben nicht so auf einen Punkt verengen solle; sie hat auch wieder beschworen, daß sie sich gar keine Hoffnungen mehr mache, aber nur gebeten, daß ich sie nicht ganz von mir entferne. Was soll man da nun machen? Ich fühle mich immer wie ein Schuldiger, und bin doch nie unklar gewesen. Die Verkettungen des Lebens sind tragisch.
Frl. Kiehm war hier; sie hat dem Seminar beigewohnt und ich habe ihr den Tiergarten und ein Stück Grunewald gezeigt. Und in Pankow war ich auch, sah das alte Haus und dann in Schönhausen unsren Park vorn ganz unverändert, fast noch romantischer als früher.
Butter habe ich im Übermaß, auch Speck, Schinken, Wurst. Eier seltener. Aber ich hungre bestimmt nicht.
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Herre hat mich Himmelfahrt besucht und manches Interessante erzählt. Schade, daß ich das nicht ausführlich schreiben kann. Es ist aber auch nichts Greifbares; im ganzen ist er nicht zufrieden im A. A. - Die Psychologie von Troeltsch, den ich Himmelfahrt besuchte, und seitdem auch dienstlich wiederholt sprach, beschäftigt mich sehr. Er gefällt mir nicht als Charakter. Es fehlt der Knochenbau, anscheinend ist er moralisch verbraucht. Neulich hätte ich ihm am liebsten einen Schnaps zur Stärkung gegeben.
Unter den Studenten einige angenehme Erscheinungen. Am nächsten kam mir bisher ein Neffe v. Kerschensteiner, der aber zu wortreich ist. Stimmung scharf reaktionär. Neulich Kollege: " Herbart gliedert die Erziehung in Regierung, Unterricht u. Zucht. - Mit der Regierung werden wir bald fertig sein." Brausender Beifall; ich war ganz ahnungslos.
Wächst denn Rhododendron wild? Oder ist das eine dumme Frage? Verzeih, daß ich noch nicht bei den Deinen war. Aber die Zeit ist immer knapp. Ich war noch nicht bei Ludwig (dessen Mutter wiederholte Schlaganfälle gehabt hat) und nicht bei Paulsens etc. Nur heut abend will ich nach 2 Sitzungen zu Thümmels.
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Sozial solltest Du Dich m. E. nicht betätigen. Du wirst doch künftig hoffentlich wieder eine kleine medizinisch-künstlerische Beschäftigung finden. Politisch aber erst recht nicht, es sei denn, daß Du bei einem Bureau der Deutschen Volkspartei kurz vor u. während der Wahl etwas helfen kannst.
Ich habe noch garnicht für den "letzten" schönen Kuchen gedankt, der immer auch nach heidelberger Erinnerungen schmeckt.
Allgemein ist hier die Ansicht, daß es nach den Wahlen zu Unruhen kommt. Infolgedessen glaubt man auch nicht recht an die Reichsschulkonferenz. Findet sie statt, dann wird das natürlich eine schlimme Zeit. Gegen Becker ist in der Fakultät eine sehr feindselige Stimmung. Stählin machte bei seinem Eintritt in die Fakultät eine kindische Dummheit, die er nicht einmal bei Erklärung begreift. Das sind dann "politische Köpfe".
Nun hätte ich wohl das meiste ausgekramt. Im ganzen freue ich mich, in Berlin zu sein, und empfinde es gegenüber Leipzig als große Belebung. Auch deshalb, weil ich hier energische Männer hinter mir habe, die es in Sachsen nicht gab. Sei innigst gegrüßt, Du mein Liebstes und Treuestes und quäle Dich nicht zu sehr. Dein E.