Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 29./31. Mai 1920 (Berlin)


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29. Mai 1920. Abends.
Liebste Freundin!
Sehr erschöpft aus meinen "Pfingstferien" zurückgekehrt, muß ich Dir doch kurz berichten. Ich ging am 2. Pfingsttag um ½ 7 von Hause fort, mit einer schweren Erkältung in allen Gliedern. Ein guter, schwach besetzter Schnellzug brachte mich für 42 M bis Spandau (direkt), wo der Försterwagen auf mich wartete, außerdem eine der 3 Haushaltelevinnen, die Frau Püschel heranbildet, ein sympathischer Halbbackfisch aus München, mit dem ich mich nett unterhielt während der schönen Fahrt ins Gebirge. Die Försterei liegt sehr hübsch. Von m. Gastzimmer im Nebenhaus, in das ich der Höhe nach gerade hineinging, sah ich liebliche Waldhöhen. Frau Götze war auch da. Der Herr Förster ist so taub, daß alles für ihn noch einmal extra geschrien werden muß, aber ein sehr lieber Mann. Kaffee in glühender Sonne tat mir wohl. Auch ein kurzer Spaziergang. Nur war ich todmüde. Am nächsten Morgen ging ich, noch sehr erkältet, an den Rand des Gebirges und sah auf die stark gelbe Elbe herunter. Sehr angeregt kam ich zurück und begann meinen Vortrag zu machen. Nachm. Spaziergang mit dem Förster u. einem
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| Professor der Techn. Hochschule Dresden auf einen Berg. Abends Pfänderspiel mit den Gänschen. Diese Atmosphäre erinnerte mich an gute Zeiten. Nächsten Morgen um ½ 7 mit dem Förster ins Revier gefahren. Im Walde trennte ich mich von ihm und seinem Forstwart u. bestieg den Gr. Tzschirnstein, den höchsten Punkt der Sächs. Schweiz. Aussicht genußreich, aber ein schweres Gewitter rückte trotz der frühen Morgenstunde heran. Ich mußte, da ich weder Schirm noch Mantel hatte, nach Haus eilen und kam um 10 trocken an. Dann machte ich den Vortrag fertig. Um 4 fuhr ich mit Pastor Krömer aus Leipzig an die Bahn, gedachte in entsetzlich gedrängten Eisenbahnwagen unsrer ähnlichen Heimfahrt von Spandau am 1. Oktober 1917 und war um 7 in Dresden. Zufällig traf ich den Kollegen Lipsius u. einige andre Reste vom Schopenhauertag. Der Verein hatte mir im " Hospiz" das schönste Zimmer reservieren lassen, groß, mit Balkon und Blick auf die Wipfel des Großen Gartens. Dort legte ich die letzte Hand an den Vortrag und schlief gut bis zum Beginn des Schlachttages, der einer der anstrengensten seit langer Zeit werden sollte. Denn schon beim Kaffee um 8
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| faßte mich der Fortbildungsschulinspektor Haumann aus Berlin (übrigens ein prächtiger Mann, führend, mein warmer Freund.) Um ½ 9 betrat ich den großen Saal, der 1000 Personen faßte (es waren aber nur 500) und nahm auf der Bühne am Vorstandstisch Platz. Minister Seyfert konnte nicht kommen (wollte mich am nächsten Abend sprechen), aber das Ministerium war auch vertreten, auch GOR Pallat aus Berlin. Von meinem Leipziger Anhang besonders die Damen. Ich hielt meine Rede, hatte nach der 1. Viertelstunde, die unruhig war, gespannteste Aufmerksamkeit, und schloß unter langem, tosendem Beifall. Die Diskussion war so schwach, daß ich erst einsah, wie nötig diesen Kreisen die Versorgung mit Gedanken ist. Die angekündigte Opposition blieb ganz aus. Man einigte sich widerspruchslos auf das von mir am Schluß formulierte Ergebnis. Um 1 gutes Mittagessen mit dem (sehr angenehmen) Vorstand und ½ Flasche gutem Wein. Um 3 Aufbruch nach Neustadt zu dem 2. Vortrag. Um 6 Treffen mit Frl. Kiehm u. Frau Steidl auf der Brühlschen Terasse. Der "Meister" gab ein Abendessen
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| (was ihn 75 M kostete) und ging noch mit in den Großen Garten, war aber um 10 eine halbe Leiche. Nächsten Morgen noch 2 Vorträge gehört, zu Zangenbergs gejagt u. zurückgejagt, an die Bahn gejagt. Kein Mittagessen, aber Thea Zangenberg brachte mir eine große Tüte nach. Pallat fuhr mit nach Großbothen. Dort Wundt Sohn an der Bahn. 2 Kaffeestunden im patriarchalisch-ländlichen Heim des alten Wundt, der nun auch geistig sichtlich alt wird. Um 6 an die Bahn, mit 2mal Umsteigen nach Berlin. Um ½ 1 zu Hause. Plan, bis 9 zu schlafen. Aber um 8 kam das liebe Wertpacket aus Heidelberg, und um ½ 9 ein eingeschriebener Brief. Ich muß daher heut früh ins Bett und sage Dir für heut gute Nacht in dankbaren und liebevollen Gefühlen. -

31. Mai 4 Uhr.
Kein Gedanke an Fortsetzung gestern! Um 9 Uhr taucht Morgner auf, um 11 der Registrator. Um ½ 2 mit Lenz u. Tochter bei Lutter u. Wegner diniert. Dann direkt zu Riehls, und als ich um ½ 9 endlich anfangen will, mich mit dem Kolleg zu beschäftigen, ladet mich noch Frl. Guttmann zum Speech ein. Die Arbeit hat sich furchtbar aufgestaut.
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| Also: Ich habe Sonnabend Nachm. gleich das große Packet geöffnet und mich über alles so gefreut, wie es die Schönheit der Sachen und die Liebe Deiner sorgenden Seele verdiente. Der 1. Kaffee gelang ganz gut. Es dauerte etwas lange, weil ich zu viel Wasser genommen hatte. Aber dafür fraß ich alle Kakes auf. Nicht recht war mir dabei, daß Du Deine Butter nicht Dir selbst zuwendest. Den einen Kragen trage ich seit gestern; er paßt gut, könnte vielleicht nur etwas mehr gestärkt sein. Das Thermometer liegt draußen. Und die Bezüge kommen in 8 Tagen an die Reihe. Man muß auch daran leider sparen.
Wenn Du diesen Brief erhältst, dann ist der Geburtstag der lieben Tante da, und es folgen dann die Tage mit ihren für mich in doppeltem Sinn so schmerzlichen Erinnerungen. Ich möchte, daß Du in dieser Zeit mit mir gemeinsam der teuren, lieben und guten Seele gedenkst. Ich trinke aus ihrer Tasse mit allen freundlichen Erinnerungen an manches Kaffeestündchen bei ihr, und es ist mir, als ob sie mit ihrem guten Geist auch jetzt bei uns wäre. Vielleicht bringt die nächste Woche wieder Unruhen, die unsre Nachrichten unterbricht. Sorge Dich dann nicht um mich. Wir werden auch dies
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| überwinden.
Die Reichsschulkonferenz wirft ihre Schatten voraus. Eben war der Redakteur der ehem. Norddtsch. Allgemeinen bei mir u. wollte einen Begrüßungsartikel haben, wofür ich dankte. Mein Referat haben sie dort bereits ohne Honorar abgedruckt. Am Sonnabend spreche ich in der Frauenschule der "Inneren Mission" über "Was heißt sozial?" Und am 9. Juni vor den Studenten über das Thema: "Um was handelt es sich auf der Reichsschulkonferenz?"
Ich habe eine neue Eigenschaft bekommen, die ich lieber nicht hätte: ich schwitze viel; hoffe, daß es eine natürliche Erscheinung ist u. nicht ein Schwindsuchtssymptom.
Bei Riehls geht es garnicht gut. Lore hat einen Nervenzustand, der auch Frau Riehl sehr mitnimmt. - Eben will ich zu Benary in die Sprechstunde, um s. Rat zu erbitten.
Ich habe Dir nicht so gedankt, wie ich es gerne ausdrücken möchte. Aber dessen sei gewiß, daß ich tief glücklich bin über Deine immer hilfreiche Nähe; die mir Kraft u. Gewißheit gibt. Viel innige Grüße auch an Frl. Knaps Dein Eduard.
[li. Rand] Was habt Ihr 3 zu Pfingsten gemacht??